Sie lässt gepuderte Körper vibrieren, feiert Schleim und nicht sexualisierte Nacktheit – und holt dabei auch Tanzlaien auf die Bühne. Die 49-jährige Choreografin Doris Uhlich zählt neben Florentina Holzinger zu den bedeutendsten Tanzschaffenden Österreichs. Unter dem lautmalerischen Titel „Boom Tschak“ feiert sie jetzt ihr 20-Jahr-Bühnenjubiläum mit einer Werkschau-Tour-de-Force im Tanzquartier Wien.
Online seit heute, 14.32 Uhr
Uhlichs bekannteste Choreografie ist der „Pudertanz“ – erstmals als Solo in „mehr als genug“ (2009), später auch mit Ensemble: Inspiriert vom Körperkult der Barockzeit hüllen sich Tänzerinnen und Tänzer in Puderwolken und schütteln diese beim Tanzen ab. 2024 sorgte der Auftritt bei der Eröffnung der Kulturhauptstadt Bad Ischl für Aufregung.Was ist Schönheit, was ist Virtuosität, sind Fragen, die Uhlich in ihren Stücken immer wieder auslotet. Für die Performance „Spitze“ (2008) begann sie erst mit 30 Jahren, Spitzentanz zu erlernen – und machte den Lernprozess zum künstlerischen Material.Im Tanzquartier ist nun die „Ballett-Trilogie (Fragmente)“ zu sehen: drei choreografische Auseinandersetzungen mit dem klassischen Ballett – unironisch und humorvoll zugleich. Wieder mit dabei: Susanne Kirnbauer, frühere Primaballerina der Wiener Staatsoper, und Harald Baluch, ehemaliger Balletttänzer.Ein zentrales Uhlich-Thema: die unverkrampfte, nicht sexualisierte Nacktheit, inszeniert mit konzeptueller Strenge und Witz. Im gefeierten Stück „more than naked“ (2013) lassen 20 nackte Tänzerinnen und Tänzer ihr Fleisch wackeln, klatschen und fliegen.Lustvoll und ekelerregend: Schleim! Nach der Pandemie begann Uhlich, in Performances mit dem zähflüssigen Material zu arbeiten. Elemente davon greift die Installation „Gootopia (Fragmente)“ im Foyer der Halle G am 21. November auf. Bereits ausverkauft ist das intime 1:1-„Gootopian Treatment“ im brut Wien.Uhlich, 1977 nahe dem Attersee aufgewachsen, machte ihre ersten Tanzschritte in der lokalen Musikschule. Am Konservatorium Wien klappte es erst beim zweiten Anlauf. Als 19-Jährige war sie abgewiesen worden: zu jung und zu dick, wie man ihr erklärte.Teil des Festivals sind auch Uhlichs frühe Stücke. „Early Works“ zeigt unter anderem das Stück „und“ (2007). Bereits hier arbeitete sie mit Laien zusammen – ältere Menschen, die sie im Wiener Volksgarten oder in Kaffeehäusern ansprach.Uhlichs Stücke stehen oft im Zeichen der Gemeinschaft und anderer Körpererfahrungen: „GAP“ entwickelte Uhlich beispielsweise mit ehemals Wohnungslosen, die mit eigens kreierten „Luftobjekten“ hantiertenAuch in „Every Body Electric“ (2018) erforscht Uhlich die spezifischen Möglichkeiten jedes Körpers: Rollstühle, Prothesen und Krücken werden zur BühnenchoreografieIm Festival kombiniert sie „Every Body Electric“ mit dem Solo „Universal Dancer“ (2014), für das sich Uhlich eine Maschine bauen ließ, um Körper und Raum zu Techno-Beats in Vibration zu versetzen. Zwei Performances über Körper als – so das Tanzquartier Wien – „vibrierende, eigenwillige und widerständige Energiefelder“.Die Künstlerin im Laborglas: Im Solo „Tank“ geht es um Körpermodifikationen und Robotik. Die Performance wird im Josephinum, dem Medizinhistorischen Museum Wien, reinszeniert.„The Future is Naked“ heißt auch das Buch, das zum Jubiläum erscheint und im Tanzquartier präsentiert wird. Der Körper, selbstbestimmt, voller Energie – das ist seit 20 Jahren Uhlichs Programm.
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