Burgtheater
Nach dem riesigen Erfolg der Bühnenkombi Nicholas Ofczarek und der Musicbanda Franui mit der Thomas-Bernhard-Adaption „Holzfällen“ gibt es seit Samstag ein Nachfolge-Format: Joseph Roths Romanerstling „Hotel Savoy“ wird zur orchestrierten Lesung. Mit einem Burg-Star in der Mitte, der sich durch alle Rollen hindurch tänzelt und zwischen Lichtsäulen und Nebelschwaden sein Publikum verzückt.
Online seit heute, 9.51 Uhr
Dass sich Erfolge nicht einfach wiederholen oder programmieren lassen, mussten viele im Metier der Kunst schon erleben. Warum also nicht dramaturgisch minimalistisch beim Format bleiben, aber dann doch was gänzlich Neues wagen, haben sich die Macher im Hintergrund der Osttiroler Klangbatterie Franui gedacht. Und so weit wie diesmal haben sie sich von ihrem geliebten Schubert bzw. dem eigenen Klangkosmos noch nie weggewagt wie bei der Bühnenadaption des ersten Romans von Joseph Roth aus dem Jahr 1924, die das Publikum am Wiener Burgtheater am Samstag zum ersten Mal zu sehen bekam.
Roths Werk „Hotel Savoy“ ist so lakonisch wie zugleich modern in der Konstruiertheit. Der Kriegs- und Gefangenschaftsheimkehrer Gabriel Dan strandet im „Hotel Savoy“ mit seiner Vielzahl an Stöcken, Zimmern und sozialen Milieus. „Ich freute mich, wieder ein altes Leben abzustreifen wie so oft in diesen Jahren“, wird er beim Eintritt ins Hotel Savoy eine Lebensanforderung für viele auf den Punkt bringen. Wo es liegt, dieses Hotel Savoy, wird nie verdeutlicht, und dass es an der Grenze zum ersehnten Westen situiert sein soll, ist eine vage Andeutung für Menschen, die sich nach den Umwälzungen des Ersten Weltkriegs einen Platz suchen müssen.
Für jedes Milieu eine eigene Uhrzeit
Für jedes Milieu scheint in diesem von einem seltsamen Griechen geführten Hotel Platz. Von Stock zu Stock nach unten gehen die Uhren pro Stockwerk um zehn Minuten langsamer – und in der Belle Etage, ganz unten, dort wo die Reichen wohnen, vergeht die Zeit am langsamsten, so als hätten die gut Bestallten ewig davon. Gabriel Dan, der mal einst in der Wiener Leopoldstadt aufgewachsen sein muss, ist der Ich-Erzähler, der von seiner Suche nach dem Platz in der Gesellschaft und in diesem Hotel erzählt. Die eigenen Verwandten werden ihm die erhoffte Unterstützung nicht verschaffen, dafür tauchen sonderliche Figuren auf, mit denen sich Dan schließlich durch die soziale Misere schlagen wird, um am Ende doch irgendwie seinen Platz in diesem Hotel und seinem Kosmos zu behaupten.
Es ist alles nicht so fancy wie in Wes Andersons „Grand Budapest“, dafür sind die Abgründe umso größer. Und diese Abgründe möchte einer ausloten: Nicholas Ofczarek. Er übernimmt nicht nur die Rolle des Gabriel Dan, sondern spielt alle Stimmen in dieser von Rita Czapka und Andreas Schett aufgestellten Bühnenfassung.
Der moderne Roman als vielstimmiges Geflecht
Der moderne Roman als vielstimmig tektonisches Geflecht, er wird durch Ofczarek Wirklichkeit, wenn der Schauspieler etwa auf Satzebene zwischen mitunter drei Figuren wechselt. Die Orchestrierung folgt dieser vielstimmigen Anforderung und versucht, die Musikgeschichte der 1920 herauszupräparieren, mitunter auf der Mikro-Zitat-Ebene. Der Klangkosmos der alpenländischen Instrumente wandert in die Welt von Gustav Mahler, Arnold Schönberg, Hilda Löwi oder Wolfang Erich Korngold. Bela Bartok ist vielleicht das größte Modell für die vielen minimalistischen Übergänge und Kommentare, die die Musik zu Ofczareks Tour-de-Force setzt. Doch kaum wähnt man sich da sicher, biegt auch schon Franz Lehar um die Ecke. Und über achtmal wird Ofczarek selbst Zwischennummern anstimmen, die den Text von Roth auf andere musikalische Vorlagen aufspringen lassen.
Eine Abenteuerreise durch die Gesellschaftsgeschichte
Die Abenteuerreise dieses Abends ist enorm – die Anforderung an die Bühnenkunst ebenso hoch wie ans Publikum. „Holzfällen“ wirkt wie ein Schenkelklopfer gegen diese Form des poetischen Layerings. Wie so oft bei Franui stellt das Hackbrett das große Schweben zwischen allen Welten her. Und Roths Roman, er ergibt durch den Figurenkosmos die große Vielstimmigkeit der Anforderungen, die die Welt der damaligen wie heutigen Zwanziger Jahre stellt. Da tauchen Kauze wie Zwonimir auf oder der rätselhafte Fabrikant Bloomfield, der in die Stadt des „Hotel Savoy“ nur gekommen ist, um ans Grab seines Vaters zu treten.
Am Ende wird alles ein Raub der Flammen, und nicht von ungefähr darf an diesem Abend sehr oft auch an Elias’ Canettis „Blendung“ gedacht werden, wo das Brandfanal eines Einzelnen auch die ganze Gesellschaft meint. Für das Burgtheater, an dem einst und in einer anderen Direktion nicht an den Erfolg von „Holzfällen“ geglaubt wurde, ist dieser minimalistisch ausgestattete Abend ein Glücksfall, zeigt die Veranstaltung doch auch die gesellschaftspolitische Relevanz dieses Hauses. In diesem Fall als Echokammer der Reflexion und des Weiterspinnens von Gedankenwelten. Dass es Welten wurden, das liegt am Ineinandergreifen der Arbeit von Franui und der ungemeinen Gabe von Ofczarek im Spiel mit den Stimmen.
Source: ORF · ORF.at
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