„Feminist Futures Forever"
Neun Räume, zwei Etagen, 238 Künstlerinnen: „Feminist Futures Forever“ im Belvedere 21 ist wahrscheinlich die größte feministische Gruppenausstellung, die in Österreich je zu sehen war. Zugleich ist es der Schlussakkord einer Ära. Mit der Ausstellung verabschiedet sich Generaldirektorin Stella Rollig nach über zehn Jahren vom Belvedere.
Online seit heute, 19.08 Uhr
Ines Doujaks kniende Göttinnenfigur „Hera“ (2008) streckt den Besucherinnen und Besuchern gleich einmal demonstrativ ihr Hinterteil entgegen, aus dem einmal täglich Weihrauchdüfte entweichen sollen. Brav ist diese Schau sicher nicht geworden – und sie hält einige Überraschungen bereit. Wer einen feministischen Kunst-Crash-Kurs erwartet – erste Welle, zweite Welle, dritte Welle –, wird hier nicht fündig. „Wir wollten nicht mit einer didaktischen Ausstellung die theoretischen Themen erklären“, sagt Kuratorin Stefanie Reisinger im ORF.at-Gespräch, „sondern wirklich diese Unmittelbarkeit.“
238 Künstlerinnen brauchen Platz: Für den Rundgang wurde das gesamte Haus freigeräumt. Geführt wird durch neun an Alltagsräumen angelehnte Bereiche – von Geburt und Rebellion über Arbeit und öffentlichen Raum bis zu Schlaf- und Badezimmer. Wer sich ein bisschen verloren fühlt zwischen den losen Kapiteln, sollte unbedingt auf den Audioguide zurückgreifen, der kostenlos über das Handy abrufbar ist.
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Denn diese geheime feministische Leistungsschau zeigt gelungen, wie unglaublich breit die Künstlerinnen in Themen und Zugängen aufgestellt sind: Superstars neben Newcomerinnen wie die Schwestern Hannah und Lea Neckel, konzeptuelle Strenge einer Barbara Kruger neben dem queeren Punk-Underground von Ashley Hans Scheirl und Ursula Pürrer, politische Fotografie neben Super-8-Experimentalfilm.
Pionierleistung unter Zwang
Ausgangspunkt von „Feminist Futures Forever“ ist eine Pionierleistung: „Kunst mit Eigen-Sinn“, 1985 im damaligen Museum des 20. Jahrhunderts, dem heutigen Belvedere 21, veranstaltet, war die erste internationale Ausstellung von und mit Frauen in einem österreichischen Bundesmuseum.
Möglich wurde dieser Meilenstein, wie Kokuratorin Christiane Erharter erzählt, nur durch die Initiative von Johanna Dohnal, der damaligen Staatssekretärin für allgemeine Frauenfragen, und Valie Export, die das Filmprogramm kuratierte. Durch politischen Druck wurde das Museum quasi dazu verpflichtet, die Ausstellung zu zeigen. Sowohl der Direktor als auch alle Angestellten des Hauses blieben der Eröffnung demonstrativ fern. Nur sechs Wochen betrug die Laufzeit – und holte die Debatte, wer ausgestellt und wer gesammelt wird, von den Rändern ins Zentrum.
Frauen vor den Vorhang
Der Wind hat sich mittlerweile gedreht – nicht zuletzt in der Ära Rollig: In ihrer Dekade Direktion wurde die lange männlich dominierte Ankaufspolitik des Belvedere auf Künstlerinnen und diverse Positionen erweitert – was in der gerade zu Ende gegangenen Sammlungsausstellung „Stellprobe“ zu sehen war.
„Feminist Futures Forever“ hat das nochmals befeuert. Eigens dafür wurden Werke angekauft – darunter Arbeiten von Luise Deininger und Pauline Boudry/Renate Lorenz, die bis zuletzt nicht in der Sammlung waren. Dass die Ausstellung nun Rolligs letzte große Ausstellung wird, sei „organisch entstanden“, erzählt Kuratorin Reisinger: Ein Schlussakkord, der ihre gesamte kuratorische Karriere widerspiegelt.
Belvedere 21 zeigt „Feminist Futures Forever“
„Feminist Futures Forever“ vereint 237 internationale Künstlerinnen unterschiedlicher Generationen unter einem Dach. Im Zentrum der Belvedere-21-Ausstellung steht die Vielstimmigkeit ihrer künstlerischen Praktiken.
Selbe Arbeiten wie 1985
41 Jahre nach „Kunst mit Eigen-Sinn“ sind viele der damaligen Teilnehmerinnen wieder vertreten – vorzugsweise mit denselben Arbeiten wie 1985. Viele von ihnen sind längst zu Ikonen geworden: Rosemarie Trockel, Martha Rosler, Leiko Ikemura und die Verwandlungskünstlerin Cindy Sherman, die hier den rauchenden Dandy mimt.
Magdalena Jetelova, die 1985 aus der Tschechoslowakei geflohen war, ist mit einem ihrer charakteristischen Tische vertreten, den das Belvedere nun ankaufen konnte. Dass damals auch Künstlerinnen hinter dem Eisernen Vorhang eingeladen wurden, war alles andere als selbstverständlich.
Ein Gerüst in und um den Karl-Schwanzer-Bau
Die luftige Ausstellungsarchitektur von Dorit Margreiter Choy und Cosma Grosser ist aus Gerüstelementen zusammengeschraubt, die sich bis auf die Fassade des Baus ausdehnen – ein Sinnbild für ein Umdenken Richtung Gleichberechtigung, das noch lange nicht abgeschlossen ist. Auch der Skulpturengarten ist einbezogen: Neben Marusa Sagadins überdimensionierter Kappe und der bezahnten Vagina der estnischen Künstlerin Kris Lemsalu steht dort neuerdings Florentina Holzingers Kirchenglocke – eine Dauerleihgabe der Ludwig-Stiftung.
Ausstellungshinweis
„Feminist Futures Forever“. Belvedere 21, bis 8. März 2027.
Valie Export hat die Neuauflage dieser Schau nicht mehr erlebt: Sie verstarb im Mai 2026, kurz vor der Eröffnung. Ihr Grußwort steht im Katalog – und ihr „Geburtenbett“ am Beginn des Parcours: eine Schaufensterpuppe mit gespreizten Beinen in einem rostigen Bett, deren Monitorkopf ein Video christlicher Eucharistie abspielt. Ein Highlight der Schau ist Anna Meyers „Futurefeminismus“: Auf unzähligen Plexiglastafeln, die an Schnüren von einem Schienensystem baumeln, hat die seit Langem in Österreich lebende Deutsche ein Archiv feministischer Referenzen aufgemalt – das Belvedere besitzt das Werk seit Jahren, zu sehen ist es hier erstmals.
Alte Generation erinnert sich
Die Schau war für die Kuratorinnen zugleich der Anlass, die „alte Generation“ von 1985 zum Gespräch zu bitten. Die Künstlerin Christiana Perschon zeichnet für die Langinterviews mit 16 Künstlerinnen verantwortlich, die 1985 bei „Kunst mit Eigen-Sinn“ dabei waren. Im Video, das im Belvedere Research Center zugänglich bleibt, erzählen etwa Valie Export, Ulrike Rosenbach, Scheirl und andere über Hürden, Karriereverläufe, ihre Kunstpraxis.
Im „Videokammerl“ laufen darüber hinaus dreieinhalb Stunden Kurzfilmprogramm – die Ausstellung lädt also zum langen Bleiben und Wiederkommen ein. Einziger Wermutstropfen: Wer Valie Exports Tapp- und Tastkino erwartet oder Birgit Jürgenssens fotografische Körperinszenierungen, wird überrascht sein. Auch kürzlich erworbene Highlights wie Toni Schmales Metallarbeit „Gefährtinnen“ und Renate Bertlmanns „Waschtag“ fehlen – offenbar um Doppelungen mit zuletzt Gezeigtem zu vermeiden. Man versteht die Logik. Aber ein paar mehr Leuchtturmmomente hätten der Schau gutgetan.
Source: ORF · ORF.at
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