"Talent fürs Morden“
Einen sechsten Roman über ihren Paradehochstapler Tom Ripley hat Patricia Highsmith nie geschrieben. Mit „Ein Talent fürs Morden“ wagt Anton Corbijn die fiktive Fortschreibung nach einem Theaterstück. Der psychologische Film lässt Realität und Fiktion fantasievoll verschwimmen und ist eine Hommage an die Autorin. Hollywoods Grande Dame Helen Mirren darf als Misanthropin groß aufspielen.
Online seit heute, 15.06 Uhr
1995, ein Chalet in den Schweizer Alpen: Hier hat sich die miesepetrige, alkoholabhängige und nicht gerade menschenfreundliche Bestsellerautorin Highsmith (Mirren) gegen Ende ihres Lebens verschanzt. Geschrieben hat sie schon länger nichts mehr, sie starrt auf ein weißes Blatt Papier. Gesellschaft leisten ihr Dutzende Schnecken im Terrarium und eine Katze.
Der Verleger in New York will das Faszinosum ihrer berühmten Figur Ripley aber wirtschaftlich vor ihrem Tod noch ein bisschen auspressen. Also wird der ehrgeizige Junglektor und Highsmith-Fan Edward Ridgeway (Alden Ehrenreich) zu ihr geschickt, um sie zu überreden, den hoch manipulativen Helden wiederauferstehen zu lassen – für einen allerletzten Roman. Seine Visite beginnt frostig, sie gewährt ihm eine Nacht Aufenthalt. Das ist der Ausgangspunkt für „Ein Talent fürs Morden“ des niederländischen Regisseurs Corbijn („Control“, „Life“), der auf dem 2014 uraufgeführten Theaterstück „Switzerland“ von Joanna Murray-Smith basiert, die auch das Drehbuch verfasst hat.
Mörderische Vorlieben
Im Zentrum des psychologischen Krimis steht eine literarische Fantasie – die Kreation eines perfekten Mordes. Der Deal: Ridgeway soll eine Idee dafür liefern. „Ich habe durchaus etwas für Schusswaffen übrig. Und natürlich für Messer!“, erklärt Highsmith dem ungebetenen Gast. „Aber Abwechslung ist die Würze des Lebens – und des Todes.“ Sie schlägt Gift vor. Gerade dann, als sie ihm einen Teller mit Rührei vorsetzt. „Arsen. Nicht gerade originell, aber ein Klassiker“, sagt sie und lacht giftig. Soll er das essen?
Mirren spielt brillant: Sie scheut sich nicht, eine von Krankheit, Verbitterung und Einsamkeit gezeichnete Figur nach dem Vorbild der realen Autorin (1921–1995) zu mimen. Deren 2021 postum veröffentlichten und kommentierten Tagebuchaufzeichnungen haben die „dünkleren Aspekte ihrer Persönlichkeit und Ansichten“ offenbart, wie die langjährige Lektorin Anna von Planta es damals gegenüber der „New York Times“ beschrieb: nämlich Frauenfeindlichkeit, Antisemitismus und Hass auf Schwarze. Beeindruckend, wie Mirren hinter der übellaunigen Fassade dieser Figur psychologische Abgründe freilegt und ihrer Highsmith dabei die notwendige Würde und Selbstverachtung abringt.
Zur Komplizenschaft verführt
Die Ripley-Figur hat bis heute nichts von ihrer Faszination eingebüßt: Im Roman „Der talentierte Mr. Ripley" 1955 erstmals von der Leine gelassen, hat er gängige Regeln der Kriminalliteratur auf den Kopf gestellt. Highsmith hat ihre Leserinnen und Leser zur Komplizenschaft verleitet – die Spannung nährt sich aus der Nähe zum Verbrechen, die Abgründe lauern im Alltag, in der Familie, unter Nachbarn und Kollegen.
Ripley stammt aus einfachen Verhältnissen, sehnt sich nach Wohlstand und sozialem Aufstieg. Dafür wechselt er Identitäten, manipuliert, betrügt und mordet – und zwingt sein Publikum, die eigenen Moralvorstellungen zu hinterfragen.
Berühmte Ripley-Stars
Fünf Ripley-Romane hat die Schriftstellerin hinterlassen, drei wurden verfilmt. Alain Delon verkörperte den Hochstapler 1960 in „Nur die Sonne war Zeuge“ mit aristokratischer Haltung. Matt Damon rang der Figur 1999 als unsicherer Außenseiter die Sehnsucht nach Einsamkeit ab. Andrew Scott mimte in der Netflix-Miniserie von 2024 einen verschlossenen, gefühlskalten Präzisionstäter. „Ripley’s Game“ wurde 1977 auch mit Dennis Hopper adaptiert und dasselbe Buch von Liliana Cavani 2002 mit John Malkovich als gewissenlosem Elder Statesman inszeniert.
Doppelter Krimi
„Ein Talent fürs Morden“ besteht aus zwei Erzählsträngen: Die Ripley-Geschichte, an der die beiden in ihrer Fantasie arbeiten und die sie in Rom verorten, bebildert Corbijn mit einer zweiten Ebene. Diese hat mit der Zugsbekanntschaft zu tun, die Ridgeway auf dem Weg zu Highsmith trifft: Clementine Balfour (Olivie Cooke). In der Abgeschiedenheit der Alpen pirscht er sich als schüchterner Schwiegermuttertraum an sie heran.
In der literarischen Fantasie verkörpert sie die reiche Erbin, an die sich Ridgeway – nunmehr ripleyhafte Figur – heranmacht. Dem Schauspieler Aldenreich („Solo: A Star Wars Story“) dabei zuzusehen, wie er sich langsam in den skrupellosen Täter verwandelt, ist großes Kino. Kameramann Robbie Ryan fängt auf 35-Millimeter-Film das klaustrophobische Domizil wie in einem Kammerspiel ein, die Szenen in Bella Italia dagegen glänzen in strahlend-sommerlichem Licht.
Das mag verkopft klingen, funktioniert aber: Wenngleich Corbijn, der in seinen Fotografien auf extreme Körnung und harte Kontraste setzt, mit dieser Regiearbeit visuell nicht an die gewohnte Melancholie heranreicht. Zu sehr auf dem Reißbrett komponiert wird dieses Gedankenexperiment dargestellt, unterhaltsam ist es allemal. Die Hochstaplergeschichte überzeugt dank Ensemble, Grant, Wortwitz und dem Blick auf die talentierte Ms. Highsmith und ihre eigenen Abgründe, die sich in ihren raffiniert gebauten Krimis widerspiegeln. Und Ripley? Der ist und bleibt nicht fassbar.
Source: ORF · ORF.at
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