IHS-Chef
Der Chef des Instituts für Höhere Studien (IHS), Holger Bonin, hat bei den Lohnverhandlungen für „differenzierte Abschlüsse“ plädiert. Die Lage in der österreichischen Wirtschaft sei „sehr, sehr unterschiedlich“, sagte der Wirtschaftsforscher am Sonntag in der ORF-„Pressestunde“. Für den Handel zeichnete er etwa eine düstere Prognose, Handelsangestellte müssten bereit sein, sich „umzuorientieren“. Bonin sprach sich auch für eine Modifizierung der Benya-Formel aus, Kritik kam vom Österreichischen Gewerkschaftsbund (ÖGB).
Online seit heute, 16.10 Uhr
Die vom früheren Gewerkschafter Anton Benya erstellte Formel bildet seit den 1970er Jahren die Grundlage für die jährlichen Lohnverhandlungen. Laut dieser Formel werden die jährliche Inflation – also der durchschnittliche Verbraucherpreisindex – und ein Teil des gesamtwirtschaftlichen Produktivitätszuwachses gefordert.
Im Handel, bei dem vergangene Woche die Lohnverhandlungen begonnen haben, sei man nach wie vor mit der steigenden Konkurrenz durch den Onlinehandel konfrontiert, „das Kaufverhalten der Bürgerinnen und Bürger hat sich massiv verändert“, sagte Bonin. Im Handel habe man eine „komplett andere Situation“ als etwa in einem erfolgreichen Segment der Industrie, „wo exportiert wird“ und wo man davon profitiert, „dass der Welthandel wieder steigt“.
„Auf Produktivitätskomponente schauen“
Seinen Wunsch nach „differenzierten Abschlüssen“ würde die „Benya-Formel“ aber eigentlich ohnehin besagen: „Wir orientieren uns an der Inflation und schauen uns dann an, wie sich die Produktivitätsentwicklung in den einzelnen Branchen eigentlich entwickeln sollte.“
Man müsse vermehrt auf die Produktivitätskomponente schauen, sagte der IHS-Chef. Denn man habe diese Produktivitätskomponente „oft am Durchschnitt der Wirtschaft festgemacht“ und „nicht so sehr geschaut: Wie geht es denn bei einzelnen Branchen?“
Forderungen beim Handels-KV „am oberen Rand“
Zu den Forderungen der Arbeitnehmerseite bei den Verhandlungen zum Handelskollektivvertrag sagte Bonin, der Wunsch nach 3,8 Prozent Lohnplus sei „am oberen Rand dessen, was eben möglicherweise erfüllbar ist für Teile des Handels“. Auch innerhalb des Handels gebe es „sehr unterschiedliche Unternehmen“.
Die Produktivitätsentwicklung im Handel sei auf längere Frist aber negativ. „Und das muss man eben in irgendeiner Form bei den Handelsverhandlungen berücksichtigen.“ Die Löhne würden sich nicht mehr so dynamisch wie in anderen Bereichen der Wirtschaft entwickeln.
Bonin plädiert für Umschulungen in andere Bereiche
Man müsse damit rechnen, dass die Löhne im Handel über einen längeren Zeitraum nicht mehr nach oben gehen. Wenn man etwa in die Innenstädte schaue, dann merke man, „dass es immer weniger Geschäfte gibt“ und diese etwa durch Restaurants ersetzt werden. Diese Veränderungen werde man nicht mehr zurückdrehen können, allerdings würden etwa im Bereich der Freizeitindustrie neue Jobs entstehen.
Menschen, die im Handel beschäftigt sind, müssten diese Signale sehen und bereit sein, sich „umzuorientieren“, so Bonin. Gefragt – mit Blick auf die Demonstrationen in Frankreich –, ob man nicht auch den sozialen Frieden etwas einpreisen müsse, sagte Bonin, der soziale Frieden werde nicht dadurch gewahrt, dass man auf Dauer Bereiche der Wirtschaft fördert, die nicht langfristig tragfähig sind. Man müsse den Strukturwandel sehen, da könne man nicht dagegen agieren.
„Inflationskopplung einzelner Bereiche hinterfragen“
Mit Blick auf die Wirtschaft zeichnet sich laut IHS ein leichtes Wachstum ab, die Teuerung bleibt aber weiterhin hoch. Von Preiseingriffen hält der IHS-Chef wenig. Vielmehr müsse geprüft werden, ob eine Kopplung einzelner Bereiche an die Teuerung tatsächlich zielführend sei, etwa bei den Mieten.
Bonin stellt infrage, ob Mieten automatisch und „eins zu eins“ an die Inflation angepasst werden müssten, „nur weil zum Beispiel das Glas Rotwein im Restaurant besonders teuer wird“. Um Wohnen in Österreich günstiger zu machen, müsse vor allem mehr gebaut werden, sagte er.
Zudem plädiert Bonin – langfristig – für eine Anhebung des Pensionsantrittsalters. Dabei spiele die steigende Lebenserwartung eine Rolle. Gleichzeitig müsse man Antworten darauf finden, dass Menschen mit gesundheitlichen Einschränkungen nicht so lange arbeiten können.
Anforderungen bei Sozialhilfe „hinterfragen“
Angesprochen auf die Sozialhilfereform der Bundesregierung hält Bonin die angestrebten jährlichen Einsparungen von 200 Millionen Euro für realistisch. An der Reform selbst übte er aber Kritik: Zwar sei es notwendig, die Leistungen bundesweit einheitlicher zu gestalten, allerdings müsse man die verschärften Anforderungen hinterfragen.
So sei etwa noch offen, ob ausreichend Kurse des Arbeitsmarktservice (AMS) angeboten werden könnten und ob diese geeignet seien, die Betroffenen nachhaltig in den Arbeitsmarkt zu integrieren. Das AMS müsse in den kommenden Jahren sparen und gleichzeitig zusätzliche Kurse für die betroffenen Langzeitarbeitslosen und Menschen mit Migrationshintergrund anbieten.
Entscheidend sei, ob die Maßnahmen den jeweiligen Bedürfnissen gerecht würden. „Es hilft uns am Ende nichts, wenn die Menschen dann alle Foodora-Fahrer sind“, sagte Bonin. Mit gezielter Qualifizierung könnten sie möglicherweise auch in anderen Bereichen zu dringend gesuchten Fachkräften werden.
IHS-Direktor Bonin kritisiert Sozialhilfereform
Holger Bonin, Direktor des Instituts für Höhere Studien (IHS), äußerte sich in der „Pressestunde“ am Sonntag unter anderem über die Sozialhilfereform, wobei er die Details der Regelung kritisierte.
Kritik von Gewerkschaftsbund und FPÖ
Der ÖGB wies die Aussagen Bonins am Sonntag zurück: „Die Kritik an Kollektivverträgen und Benya-Formel sowie Forderungen nach einem höheren Pensionsantrittsalter gehen aus Sicht des ÖGB an der Lebensrealität der Beschäftigten vorbei“, sagte ÖGB-Bundesgeschäftsführerin Helene Schuberth.
Bonins Kritik an „angeblich zu hohen Lohnabschlüssen“ greife zu kurz. „In Österreich werden Kollektivverträge seit jeher nach Branchen verhandelt. Die jeweilige wirtschaftliche Lage wird dabei berücksichtigt“, so Schuberth. Gleichzeitig mussten die Lohnabschlüsse der vergangenen Jahre hohe Kaufkraftverluste infolge der hohen Inflation ausgleichen, betonte sie.
FPÖ-Sozialsprecherin Dagmar Belakowitsch bezeichnete die Aussagen Bonins als „Signal für eine Politik der sozialen Kälte“. Die Vorschläge zu Lohnverhandlungen und Pensionen seien ein „unsozialer Frontalangriff auf die arbeitende Bevölkerung und die ältere Generation“ und würden die wahren Probleme im Land „völlig ignorieren“.
Source: ORF · ORF.at
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