Causa Infantino

Der Wirbel um den Präsidenten des Internationalen Fußballverbandes (FIFA), Gianni Infantino, hält an: Bis Montag wollte der Europäische Fußballverband (UEFA) von Infantino Antworten – zu seiner Vergütung, zu US-Präsident Donald Trump und zu seinen gescheiterten WM-Investorenplänen. Mit Auslaufen der Frist kündigte die FIFA laut Medienberichten zwar nicht alle Antworten, dafür aber Zugang zu internen Dokumenten an. Parallel dazu gerieten Infantino und die FIFA in einer neuen Causa in Erklärungsnot.

Online seit heute, 16.10 Uhr

Wie der britische Sender BBC, das Fachportal The Athletic und die britische Nachrichtenagentur PA berichteten, habe FIFA-Generalsekretär Mattias Grafström am Montag in einem Brief an die Mitglieder des FIFA-Councils Einblick in wichtige Dokumente zu den vor drei Monaten gescheiterten Investorenplänen angekündigt.

Interessierte Mitglieder des FIFA-Councils könnten sich anmelden, um am Sitz des Weltverbands in Zürich in den kommenden beiden Wochen Einblick in die Dokumente zu bekommen, soll es im Schreiben von Grafström heißen. Gleichzeitig soll er darauf verwiesen haben, dass nicht alle 42 Fragen aus dem UEFA-Brief vom 19. Oktober in der gesetzten Frist hätten beantwortet werden können, es solle aber in angemessener Zeit eine Antwort geben.

UEFA sieht großen Aufklärungsbedarf

Umfangreiche Antworten forderte die UEFA zu Infantinos persönlichem Vergütungspaket, der Behandlung des Disziplinarverfahrens gegen den US-Stürmer Folarin Balogun während der WM, geschäftlichen und politischen Beziehungen zu Trump und seiner Familie sowie zur operativen Unabhängigkeit der Rechts-, Wahl- und Ethikkommissionen der FIFA.

Die UEFA hatte zuletzt auch US-Bundesgerichte gebeten, Vorladungen zu genehmigen, die die Vorlage von Dokumenten und eidesstattliche Aussagen zu dem als „FIFA Forward Enterprise“ bekannten Investitionsplan erzwingen. Infantino hatte im Sommer nach breitem Widerstand den Plan aufgegeben, 20 Prozent der kommerziellen Rechte an der WM und weiteren Wettbewerben für mehr als vier Milliarden Dollar zu verkaufen.

Donald Trump und Gianni Infantino bei der WM 2026 im goldenen Konfettiregen
Infantinos Beziehung zu Trump sorgte rund um die WM für Aufsehen

Berichte: FIFA kam für Infantinos Steuern in USA auf

Der 56-Jährige, der den Weltverband seit 2016 anführt, strebt 2027 die Wiederwahl für eine vierte Amtszeit an. In den vergangenen Monaten waren die FIFA und er allerdings zunehmend in die Kritik geraten. Zu dem Ärger über die gescheiterten Investitionspläne und Infantinos Beziehung zu Trump kamen am Montag jüngste Recherchen der „New York Times“ und der französischen Zeitung „Le Monde“ über mögliche Steuerbegünstigungen Infantinos.

Wie die Zeitungen berichteten, soll die FIFA von 2024 bis 2026 Steuern für Infantino in Höhe von vier Millionen US-Dollar übernommen und dabei Offenlegungspflichten missachtet haben. Der Verband wies ein Fehlverhalten in der Causa zurück.

„NYT“: Rasche Zustimmung durch Komitee

Den Berichten zufolge habe der Schweizer Buchhalter Bruno Chiomento bei einem hochrangigen FIFA-Treffen 2024 in Thailand darauf hingewiesen, dass Infantino vor der Weltmeisterschaft 2026 von der Schweiz nach Miami umgezogen war, wo er höheren Einkommensteuern ausgesetzt sein würde.

Die FIFA solle diese zusätzliche Steuerbelastung ausgleichen, argumentierte Chiomento laut den Berichten. Er soll dabei auch angeführt haben, dass sich die FIFA bereiterklärt habe, die zusätzlichen Steuern für etwa ein Dutzend Mitarbeiter zu übernehmen, die zur Vorbereitung der Weltmeisterschaft 2026 in die USA umziehen mussten.

Laut Dokumenten, die der US-Zeitung vorliegen, stimmten die anderen Mitglieder ohne weitere Diskussionen schnell zu. „Die FIFA würde letztlich Infantinos gesamte Steuerschuld an die US-Regierung begleichen“, schrieb die „NYT“. Infantino verdient laut Geschäftsbericht rund sechs Millionen Dollar pro Jahr.

Transparenzreform nach Korruptionsskandal

Pikant ist die Causa auch deshalb, weil sich die FIFA vor zehn Jahren infolge des Korruptionsskandals im Jahr 2015 einer Transparenzreform unterzogen hatte. Darin ist die Offenlegung der Bezüge der obersten Führungsriege vorgeschrieben. „Zur Bestürzung mehrerer hochrangiger Funktionäre wurde die in Bangkok beschlossene Steuervergünstigung jedoch nie in den Unterlagen offengelegt“, so die US-Zeitung weiter.

Die FIFA erklärte in einer Stellungnahme gegenüber der „NYT“, dass alle internen FIFA-Regeln und -Prozesse sowie alle geltenden Gesetze eingehalten wurden. Sie verwies zudem auf eine unabhängige Überprüfung. Laut den Recherchen von „NYT“ und „Le Monde“ soll Chiomento dabei unter anderen vom persönlichen Anwalt Infantinos, David Zollinger, beraten worden sein – trotz kolportierter Bedenken innerhalb der FIFA-Verwaltung.

Abwahl unwahrscheinlich

Ob die Causa bei den Verbänden frisch für Kritik sorgen wird, bleibt noch abzuwarten. Für eine Wiederwahl hatten Infantino in den vergangenen Monaten vor allem Verbände aus Europa und Nord- und Mittelamerika sowie der Karibik (CONCACAF) das Vertrauen entzogen. Auf einen Gegenkandidaten konnte sich die UEFA aber noch nicht festlegen. Bis 18. November haben die Kritiker Zeit, offiziell einen Bewerber zu benennen.

Positive Signale kamen zuletzt dagegen aus Asien: Auf einem außerordentlichen Kongress des Asiatischen Fußballverbands (AFC) in Tokio sprach sich dessen aus Bahrain stammender Präsident Scheich Salman bin Ibrahim Al Chalifa Ende Oktober für eine vierte Amtszeit des Schweizers aus.

Vor einigen Monaten hatte der Topfunktionär aus Bahrain Infantino noch in einem gemeinsamen Schreiben mit den Chefs von UEFA und CONCACAF scharf attackiert. Anfang Oktober hatten 22 arabische Verbände ihre Unterstützung für Infantino erklärt. Afrikas 54 Fußballverbände stehen nach Angaben des Kontinentalverbandes CAF ebenso fest hinter dem Schweizer.

Source: ORF · ORF.at

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