„Die Blutgräfin“

An Opulenz ist sie nicht zu überbieten, diese satirische Vampirinnengroteske. Über 20 Jahre beschäftigte Regisseurin Ulrike Ottinger die Idee zum Film. Nun wird „Die Blutgräfin“ mit Isabelle Huppert in der Titelrolle nach der Premiere bei der Berlinale auch im Rahmen der Viennale gezeigt. Die zweite Hauptrolle spielt schließlich Wien.

Online seit heute, 15.59 Uhr

Gleich vorweg, was der Film nicht bietet. Erstens: eine Auseinandersetzung mit der historischen Figur der „Blutgräfin“ Elisabeth Bathory, der im 17. Jahrhundert vorgeworfen wurde, sie habe Hunderte Dienstmädchen gefoltert, ermordet und der Legende nach als Verjüngungskur in deren Blut gebadet. Zweitens darf man sich keine stringente Handlung erwarten, wiewohl es einen erzählerischen Rahmen gibt.

Die Blutgräfin ist hier Vampirin und taucht just dann in einem imposanten, roten Kahn aus der Unterwelt (vulgo der Seegrotte Hinterbrühl) auf, als in Wien ein Kongress zur „Identität der Vampire im Zeitalter ihrer digitalen Reproduzierbarkeit“ stattfindet, eine Anspielung auf Walter Benjamins „Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit“. Sie beißt und saugt Blut und mordet, wird also bald von der Polizei genauso gejagt wie von den anwesenden Vampirologen.

Die Gejagte ist selbst auf der Jagd, und zwar nach einem Buch, dessen Existenz die der Vampire bedroht: Benetzt von einer Träne würde es die Unsterblichen zu Sterblichen machen. Genau das wünscht sich der Neffe der Blutgräfin, der Vampir wider Willen und Vegetarier ist, also das Buch unbedingt in seine Hände bekommen will, bevor seine Tante es zerstören kann. So hastet das Starensemble von Schauplatz zu Schauplatz.

Nummernrevue mit Edelsketches

Katakomben und Gebeinhäuser im unterirdischen Wien, der Prunksaal der Nationalbibliothek, die Seegrotte Hinterbrühl, die Strudelhofstiege, der Stephansdom, das Cafe Havelka, der Narrenturm, das Semper-Depot, großartig ins Bild gesetzt von Kameramann Martin Gschlacht: Die Drehorte sind hier aufgefädelt wie auf einen Rosenkranz, bei dem Perle für Perle ein Sketch nach dem anderen heruntergebetet wird. Ein Edelsketch nach dem anderen freilich, schließlich wurde ein Teil der Dialoge von Literaturnobelpreisträgerin Elfriede Jelinek geschrieben, die gerade ihren 80. Geburtstag gefeiert hat.

„Keine Angst vor Kalauern“, dürfte das Motto gewesen sein, schon die Namen der Handelnden sind legendär, vom bierernsten Inspektor Unglaube (Karl Markovics) über den depressiven Vegetariervampir Rudi Bubi Baron von Strudl zur Buchtelau (Thomas Schubert), der lieber im Havelka Buchteln isst, statt Blut zu saugen, bis zum Vampirologen Nepomuk Nachbiss (Andre Jung). Wenn da nicht Johann Nepomuk Nestroy Pate stand.

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Huldigung an Huppert

Denn Regisseurin Ottinger denkt in Kostümen und Orten, wie sie im Interview mit dem ORF-„Kulturmontag“ erzählte: „Ich liebe es, so zu arbeiten. Auch Orte sind im Grunde samt ihrer Geschichte Protagonisten in meinen Filmen. Und die Geschichte der Wiener Orte, wenn man die sich mal anguckt, über die Jahrhunderte, da hat man ja schon ein halbes Drehbuch zusammen.“ Ottinger sammelt Orte und Kostümideen regelrecht. Es waren also in einer Vorstufe zum Drehbuch tatsächlich zuerst die Orte und die Kostüme da – und die Schauspielriege.

Einen Teil der Drehorte fand Ottinger schon Anfang der Nullerjahre bei einem Wien-Besuch, da kam ihr auch die Idee zum Film. Und im Lauf der folgenden Jahre fehlte zwar das Geld für die Umsetzung, aber dafür kamen immer mehr Kollaborateurinnen zusammen. Jelinek erklärte sich wie Huppert schon früh bereit, mitzumachen.

Der Film huldigt der Erhabenheit Hupperts. Sie glänzt und strahlt, wirkt aber über weite Strecken, als wäre sie eine Kunstinstallation innerhalb des Films anstatt ein Teil von ihm. Die Grande Dame darf neben ein paar deutschen Sätzen sogar vorwiegend Französisch sprechen, ohne synchronisiert zu werden. Dann gibt es plötzlich Untertitel.

Isabelle Huppert in „Die Blutgräfin“

Ulrike Ottingers schwarzhumorige Gesellschaftssatire „Die Blutgräfin“ greift die Legende der Vampirin Elisabeth Bathory auf. Isabelle Huppert spielt die im 17. Jahrhundert verurteilte Aristokratin, die im heutigen Wien erneut auftaucht.

„Rise Like a Phoenix“, bis die Cobra kommt

Eine zentrale Rolle kommt Birgit Minichmayr als Hermine zu. Im Interview mit dem ORF-„Kulturmontag“ sagt sie, dass sie zunächst ordentlich Respekt davor hatte, mit Huppert zu spielen, zu der sie nach eigenen Angaben seit jungen Jahren ehrfürchtig aufblickt. Sie spielt die tatkräftige Zofe der Blutgräfin. Minichmayr gelingt es, dem Konzept des Films mit seinen Kunstfiguren treu zu bleiben, aber trotzdem der manierierten Marionettenhaftigkeit zu entkommen, die sonst vorherrscht.

Besonders in Erinnerung bleibt eine Tanzszene, die sie gemeinsam mit „Bubi“ Schubert hat, zu einem Auftritt von Conchita Wurst. Überhaupt: Wurst als Zeremonienmeisterin, die im Vampirkeller so lange „Rise Like a Phoenix“ singt, bis die Cobra mit Maschinenpistolen bewaffnet einreitet, nur um dann von der Musik verzaubert zu werden. Und wieder kommt das Vampirvolk davon. Weitere Highlights im Film liefern Lars Eidinger als Therapeut Theobald Tandem und Schubert als sein Klient Bubi.

Ein Film fürs Museum?

Der Film bietet: aberwitzige Ideen, schauspielerische Höchstleistungen eines Starensembles, tolle Bilder von sehenswerten Drehorten und kunstvollen Kostümen – also insgesamt viele Momente, die sich eignen, um noch in Jahrzehnten als Kult gefeiert zu werden. Aber man muss halt wissen, worauf man sich einlässt. Das Abklappern der Drehorte, die absichtsvolle Manieriertheit der Figuren, Hupperts französischer Text: „Die Blutgräfin“ ist kein Film-Film, sondern ein „Kunstfilm“.

Das kann nerven – und genervt hat es zum Beispiel Arabella Wintermayr, die Rezensentin der Berliner „taz“. Sie schreibt, der Film sei „vor allem ein Panoptikum visueller Einfälle, bestechend schön, doch von solcher Starrheit, dass man ihn lieber gleich als Exponat dem Museum überantworten möchte.“ Dem könnte man entgegenhalten: Mitunter darf das Kino auch Museum sein, wenn es so viel Spaß macht.

Source: ORF · ORF.at

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