Vor Frankreich-Wahl
Gerüchte hat es in den letzten Monaten immer wieder gegeben, nun ist es offiziell: EZB-Chefin Christine Lagarde wird ihre Funktion im Februar frühzeitig zurück. Damit kann diese zentrale Funktion – und eine Vielzahl weiterer Posten – vor der Präsidentschaftswahl in Frankreich neu besetzt werden.
Online seit heute, 11.32 Uhr
Die Französin gibt ihren Posten zum 7. Februar 2027 auf, wie die EZB am Donnerstag vor der Zinssitzung in Frankfurt mitteilte. Darüber habe Lagarde den EZB-Rat sowie den Präsidenten des Europäischen Rates, Antonio Costa, informiert. Regulär wäre die achtjährige Amtszeit von Lagarde bis Ende Oktober 2027 gegangen.
Die Staats- und Regierungsspitzen der 21 Euro-Staaten sind nun gefordert, die Nachfolge der Französin früher zu regeln. Der Abgang Lagardes ermöglicht es dem scheidenden französischen Präsidenten Emmanuel Macron und dem deutschen Kanzler Friedrich Merz (CDU), noch vor der Wahl in Frankreich die Neubesetzung eines der wichtigsten Spitzenposten in Europa zu klären.
Möglicher Machtwechsel in Frankreich als Kalkül
Lagardes Rückzug kommt nicht überraschend, Gerüchte über einen vorzeitigen Rücktritt gab es schon lange. Bereits im Februar hatte die „Financial Times“ berichtet, Lagarde wolle sich vor der Präsidentschaftswahl in Frankreich im April 2027 zurückziehen.
Hintergrund seien Sorgen, dass eurokritische Rechtspopulisten um Marine Le Pen die Wahl in der zweitgrößten Euro-Volkswirtschaft gewinnen könnten, was die Neubesetzung der EZB-Spitze erschweren könnte. Macron darf bei der Präsidentschaftswahl nicht erneut antreten. Im September bestätigte Lagarde in einem Interview erstmals selbst Überlegungen, sie könnte von der EZB „ein paar Monate“ früher ausscheiden.
Favoriten aus Spanien und Niederlanden
Als Favoriten für die Lagarde-Nachfolge gelten der frühere niederländische Zentralbankchef Klaas Knot und der Spanier Pablo Hernandez de Cos, Chef der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ). Für die Lagarde-Nachfolge hatte sich auch der Präsident der deutschen Bundesbank, Joachim Nagel, ins Spiel gebracht. Europas größte Volkswirtschaft Deutschland stellte in der mehr als 25-jährigen Geschichte der Notenbank noch nie die EZB-Spitze.
EZB-Direktorin Isabel Schnabel, die ebenfalls Interesse an Lagardes Nachfolge angemeldet hatte, wechselt Anfang Jänner 2027 zum Internationalen Währungsfonds (IWF) in Washington.
Weitere Positionen zu besetzen
Damit wird Schnabels Stelle im sechsköpfigen EZB-Direktorium schon bald frei. Ab Juni 2027 braucht die Notenbank zudem einen neuen Chefökonomen, weil dann die Amtszeit von Philip R. Lane endet. Als wahrscheinlich gilt, dass auf europäischer Ebene ein ganzes Personalpaket verhandelt wird. Der deutsche Vizekanzler Lars Klingbeil betonte jüngst Ansprüche der deutschen Bundesregierung: Natürlich werde Deutschland im EZB-Direktorium weiterhin eine Rolle spielen, sagte der SPD-Politiker am Rande der IWF-Jahrestagung in Bangkok.
Die EZB-Spitzenposition ist eine jener Funktionen, bei denen besonderes auf ein Gleichgewicht der Vertretung wichtiger Staaten in der EU geachtet wird. Die Chancen für den Deutschen Nagel gelten daher allein aufgrund der Tatsache, dass mit Ursula von der Leyen aktuell eine Deutsche die EU-Kommission anführt, als äußerst gering.
Source: ORF · ORF.at
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