Zwischen Krieg und Wirtschaftskrise

Der Iran-Krieg, den die USA und Israel im Februar begonnen haben, ist seit dem Sommer zunehmend zu einem Wirtschaftskrieg geworden. Die Folgen – Stichwort: Energiepreise – sind weltweit zu spüren, aber nirgends so sehr wie im Iran selbst. Eine Rundreise der ORF-Korrespondentin Rosa Lyon gibt Einblicke in den schwierigen bis unmöglichen Alltag zwischen Krieg, Wirtschaftskrise und einer Führung, die repressiv vorgeht.

Online seit heute, 23.32 Uhr

iranischer Flughafen
Auf der Zugsreise von Teheran an die Küste, zur Straße von Hormus, und retour via Minab (dort wurden am ersten Kriegstag bei einem US-Angriff eine Schule getroffen und laut iranischen Behörden 168 Zivilisten getötet, darunter mindestens 120 Kinder) zeigt sich in Gesprächen: Die meisten Menschen rechnen damit, dass die USA spätestens nach den Mitdterms im November wieder militärisch aktiv werden. Vom Teheraner Hauptbahnhof fahren die Züge nach Bandar Abbas, Hauptstadt der Provinz Hormosgan und an der Straße von Hormus gelegen, ab. Die Fahrt auf der Strecke, die im Krieg bombardiert wurde, dauert etwa 22 Stunden.
Zug in einem Bahnhof
Die Zugsfahrt wird auch unterbrochen, damit gläubige Musliminnen und Muslime beten können
karge Landschaft mit Berg im Hintergrund
Die rund 1.200 Kilometer lange Strecke zwischen Teheran und dem Persischen Golf ist durch Gebirgszüge und Becken gegliedert. Der Großteil ist trocken und wüstenartig.
Frauen und Kinder am Strand mit Tanker im Hintergrund
Der Strand der 500.000-Einwohner-Stadt Bandar Abbas: Für die Menschen hier ist die Straße von Hormus Zuhause und Erholungsgebiet. Die wenigsten glauben, dass es im Krieg mit den USA eine diplomatische Lösung geben wird.
ein Mann zerlegt einen Fisch
Auf dem Fischmarkt in Bandar Abbas. Einer der Fischhändler sagt: „Dieser Fisch hat vor dem Krieg 300 Toman gekostet. Jetzt kostet er 600 und bald 1.000 (etwa 0,2 bzw. 0,4 Cent). Wer kauft noch Fisch für so viel Geld? Und dieser Fisch kommt nicht von hier. Wir fischen selbst kaum noch, es ist zu gefährlich. Wir bekommen gefrorenen Fisch geliefert.“ Das Durchschnittseinkommen liegt bei 2,7 Millionen Toman (rund 100 Euro), der im Alltag gebräuchlichen Währungseinheit.
Blick über das Wasser auf beleuchtete Buchstaben die das Wort Bandar Abbas bilden
Bandar Abbas ist eine arme, aber sehr farbenfrohe Hafenstadt. Eine Frau sagt im Gespräch, die Küstenstädte seien am stärksten getroffen worden. „Wir sind hier alle gestresst. Als die USA und Israel ihre Angriffe flogen, haben die Glasscheiben in unserer Bäckerei gewackelt, die Kunden hatten Angst. Ich musste zusperren. Immer noch findet die Schule online statt. Das ist sehr schwierig. Und die Wirtschaft, ich würde sagen, sie läuft zu 30 Prozent.“
Ein Basar in Bandar Abbas: Waren sind vorhanden, aber nicht die Kaufkraft. Viele Iranerinnen und Iraner können sich angesichts des Durchschnittseinkommens von umgerechnet 100 Euro nur noch das Nötigste leisten.
So unscheinbar sieht die Straße von Hormus aus – mittlerweile die Achillesferse der Weltwirtschaft. Einige Öltanker passieren dank US-Geleitschutzes die Meerenge wieder. Die Kosten sind jedoch enorm gestiegen. Und täglich sind hier Explosionen zu hören. Der Iran beschießt Tanker, die auf der omanischen Seite die iranische Sperre der Meerenge umgehen. Manchmal explodiert auch eine Seemine. Von freier Schifffahrt kann also keine Rede sein.
Kinder am Strand von Bandar Abbas versuchen ihr Glück beim Fischen. Es wirkt fast so, als hätte es nie einen Krieg gegeben. Doch tatsächlich rechnen alle hier damit, dass der Krieg bald wieder losgeht.
Abendgebet an der Grabstätte der laut iranischen Angaben 168 Opfer des US-Bombardements einer Schule am 28. Februar in Minab, rund 100 Kilometer östlich von Bandar Abbas. Die UNO geht davon aus, dass es sich dabei und bei anderen US-Angriffen mit zivilen Opfern um Kriegsverbrechen handeln dürfte.
Die weitgehend zerstörte Schule in Minab wurde von der iranischen Führung in eine Pilgerstätte verwandelt, in ein Mahnmal der Erzfeindschaft zwischen dem Iran und den USA.
Zurück in Teheran, hier die U-Bahn-Station beim großen Basar: Auch in der Hauptstadt spüren die Menschen die verschärften internationalen Sanktionen und die hausgemachte Wirtschaftskrise. Die Preise steigen und steigen, die Menschen haben weder Spielraum noch Hoffnung auf baldige Besserung.
Die Regierung muss zumindest eine Minimalversorgung sicherstellen, um ein Aufflammen von Wirtschaftsprotesten zu verhindern. So werden etwa Spritpreise weiterhin gestützt, für Wohlhabendere aber seit Kurzem etwas weniger.

Minab: Schule im Iran als Mahnmal des Krieges

In Minab im Süden des Iran wurde zu Kriegsbeginn eine Schule zerstört, vermutlich durch eine US-Rakete. Dutzende Kinder und Lehrerinnen starben. Die Hintergründe sind bis heute ungeklärt. Der Ort gilt inzwischen als Mahnmal.

Infolge der Proteste nach dem Tod der Kurdin Mahsa Amini im September 2022, die von der Sittenpolizei verhaftet und verprügelt worden war, haben sich die Frauen im Iran ein Recht weitgehend erkämpft: das Recht, sich zu kleiden, wie es beliebt. In Teheran und anderen Städten ist rund die Hälfte der Frauen weiterhin ohne Kopftuch unterwegs.
Sehr präsent ist in Teheran die Anti-US-Propaganda. Kritik an der Führung in Teheran äußert man derzeit nur, wenn man sich unbeobachtet fühlt – und nur hinter vorgehaltener Hand. Selbst Regierungskritiker sind jedoch überzeugt, dass die USA und Israel im Unrecht sind und Kriegsverbrechen begehen. Die Repressionen haben zugenommen. Jede Woche werden langjährige Haftstrafen und Exekutionen gemeldet. Und ein neues Gesetz könnte bald in Kraft treten: Unter anderem würde es die Kommunikation der Bevölkerung mit ausländischen Medien einschränken, insbesondere jenen aus verfeindeten Ländern.

Source: ORF · ORF.at

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