Wien Modern
Am 30. Oktober startet Wien Modern in die 39. Ausgabe und rückt unter dem Motto „Im großen Ganzen“ heuer erstmals die Natur ins Zentrum: Ob der Klang der Donau, das Geräusch des Pinselkäfers oder 120 Chorsänger auf der Mülldeponie Rautenweg – das Publikum erwarten über einen Monat hinweg beglückende Soundexperimente. Ein Schwerpunkt ist Elfriede Jelinek gewidmet.
Online seit heute, 13.02 Uhr
Den Auftakt macht die Wiener Komponistin Pia Palme mit ihrem Werk „Mit der Donau“ – eine abendfüllende Uraufführung, die Monate in der Entstehung dauerte: Palme arbeitete im Nationalpark Donau-Auen, paddelte und schwamm im Fluss und erforschte diesen – begleitet von Parkrangern – und sammelte Klänge, Bewegungen, Worte aus der Landschaft. Im Konzerthaus wird der Große Saal nun eigens umgebaut, das ORF RSO Wien unter Irene Delgado-Jimenez spielt, Sopranistin Juliet Fraser singt. Von einem „artenübergreifenden Prozess“ spricht das Festival.
Auch Annea Lockwood, geboren 1939, hat die Donau belauscht. Der neuseeländischen Klangpionierin ist heuer ein eigener Schwerpunkt gewidmet. Im MAK Forum ist einen Monat lang ihre „Sound Map of the Danube“ zu hören, die Aufnahmen von über 70 Orten entlang des Flusses versammelt. Auf der Baumgartner Höhe reenactet Lockwood außerdem ihre legendäre Aktion „Piano Garden“ von 1969 – ein Klavier wird zur Hälfte in die Erde eingegraben, das Publikum darf mitspielen und hinterfragen, was Musik sein kann.
Festival, das sich nicht festlegen lässt
Was neue Musik ist und wo Grenzen zu setzen sind, lässt sich bei Wien Modern ohnehin kaum festlegen. Die Definition, die Festivalleiter Bernhard Günther am besten gefällt, stammt vom deutschen Komponisten Johannes Kreidler: Auf die Frage, ob seine Sachen überhaupt noch neue Musik seien, antwortete dieser: „Ich wüsste nicht, was es sonst sein sollte“, so erzählt Günther im Interview mit ORF.at.
Wien Modern ist seit der Gründung 1988 durch Dirigent Claudio Abbado zu einem in verschiedene Kunstsparten ausfransenden Experimentierraum gewachsen und weltweit eines der größten Festivals für zeitgenössische Musik: 72 Produktionen, 159 Veranstaltungen, 31 Spielstätten in 15 Wiener Bezirken, fast fünf Wochen lang. Zum Vergleich: Die Donaueschinger Musiktage, das renommierteste deutsche Pendant, dauern vier Tage.
Ursuppe, Urwald, Erdreich
Das Programm reicht von klassischer Kammermusik im Konzerthaus und Musikverein bis zu Klanginstallationen in Museen, Kellergewölben, Kirchen und auf offener Mülldeponie. „So vielfältig wie die Orte ist auch ungefähr das, was es zu hören gibt“, fasst der Intendant zusammen.
Zu den Großproduktionen zählt die Oper „Tree of Codes“ der australischen Komponistin Liza Lim – Kammerensemble, Elektronik und Stimme im Reaktor Wien. Eine Quelle ist Jonathan Safran Foers gleichnamiges Buch, erinnerungsbesetzte Geräusche des australischen Sommers flossen ein. Von einer „Art Ursuppe, in der sich Generationen und Zeit auflösen“, spricht Günther über die österreichische Erstaufführung.
Kirsten Reese bringt mit „Future Forest“ einen sonst gesperrten Urwald ins Kabelwerk: Aufnahmen aus dem Naturwaldreservat Johannser Kogel im Lainzer Tiergarten – 400 Jahre alte Eichen, bedrohte Tierarten – verdichtet sie gemeinsam mit dem Ensemble Recherche zur Komposition (23./24. November, Theater am Werk im Kabelwerk).
Tiefer in den Boden hinein geht es dagegen im Jugendstiltheater, wo der Schweizer Klangkünstler Dimitri de Perrot bei „Unter uns“ das Erdreich rumoren, rumpeln und rauschen lässt. Das Publikum liegt auf Teppichen, über ihren Köpfen wabert zum basslastigen Sound eine riesige aufgespannte Fallschirmseide.
Konzert auf der Mülldeponie
Wien Modern verlässt dabei auch den Innenraum: Die österreichische bildende Künstlerin Katrin Hornek, die seit vielen Jahren zum Thema Anthropozän forscht, lädt mit der Komponistin Judith Unterpertinger auf die Mülldeponie Rautenweg. Bei „Modified Grounds“ steht ein 120-stimmiger Chor verteilt auf dem Gelände – und bewegt sich mit dem Publikum mit.
In der Zacherlfabrik in Wien-Döbling, wo früher Insektizide hergestellt wurden, summt es jetzt passenderweise. Dahinter steckt die Klanginstallation des Chuchchepati Orchestra: Aus nepalesischen Blechmegafonen klingt das, was via Lasermikrofon aufgenommen werden konnte. Insekten erzeugen Klänge nicht über Stimmbänder, sondern über das Trommeln mit Körperteilen – Lasermikrofone können diese Erschütterungen präzise einfangen.
Jelineks ungestimmter Flügel
Im Rahmen der Konzertreihe „Perspektiven“ steht heuer Jelinek im Mittelpunkt, die Literaturnobelpreisträgerin, die selbst gelernte Organistin und seit Jahrzehnten eng mit der Welt der zeitgenössischen Musik verwoben ist. Ein überraschendes Detail: Jelinek hat bei sich zu Hause einen Flügel stehen, der 30 Jahre lang nicht gestimmt war – und der bei Wien Modern zum Ausgangspunkt für gleich zwei Produktionen wurde: für eine Arbeit von Olga Neuwirth und für ein Konzert mit der Schweizer Pianistin und Komponistin Marianne Schröder.
Schwerpunkte des bis 30. November dauernden, dichten Programms sind überdies den Komponistinnen Francesca Verunelli und Katharina Klement gewidmet. Von der Erste-Bank-Kompositionspreisträgerin Katharina Klement wird das Klangforum ihr Ensemblewerk „Schaum“ uraufführen, „ein multipolares Gemenge“ mit 17 Instrumenten, elektronischen Klängen und Field Recordings.
„Es interessiert mich die Frage, wann ein Gemisch so dicht wird, dass man es als Ganzes wahrnimmt“, erläuterte Klement. So dicht das Programm auch insgesamt ist – Günther wehrt sich gegen das Klischee, zeitgenössische Musik sei kompliziert und nur für Eingeweihte. Sein Appell: „Gar nicht zu sehr versuchen, das alles vorab zu verstehen. Einfach mal reinschnuppern – es macht Spaß.“
Source: ORF · ORF.at
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