Ungarn-Aufstand 1956
Am 4. November 1956 wurde der ungarische Volksaufstand gegen das kommunistische Regime durch die Sowjet-Armee blutig niedergeschlagen. In der Folge kehrten rund 200.000 Ungarinnen und Ungarn ihrem Heimatland den Rücken, rund 180.000 flüchteten über die grüne Grenze nach Österreich. Tausende von ihnen waren minderjährig und unbegleitet. Für Österreich, 1956 gerade ein Jahr unabhängig, wurde die Massenflucht zur Bewährungsprobe.
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Der Historiker Erno Deak (86), langjähriger wissenschaftlicher Mitarbeiter der Österreichischen Akademie der Wissenschaften, flüchtete damals mit 16 Jahren unbegleitet nach Österreich. Er werde es Österreich nie vergessen, dass es als einziges westliches Land in Moskau gegen die Niederschlagung des Aufstands in Ungarn protestierte, sagte er im ORF-Interview. Auch mit dem Entschluss, allen Ungarn-Flüchtlingen umstandslos Asyl zu gewähren, traf Österreich eine mutige Entscheidung. Die Angst vor militärischen Grenzzwischenfällen war extrem groß.
Für Österreich sei die Massenflucht elf Jahre nach Ende der Nazi-Herrschaft eine Chance gewesen, international sein Ansehen zu steigern, meinte kürzlich die Historikerin Barbara Stelz-Marx im Gespräch mit ORF Steiermark. Im Zuge des internationalen Medienspektakels, das die Ungarn-Krise begleitete, habe Österreich ein Signal in die Welt geschickt, dass es zur westlichen Welt dazugehöre und bereit sei, als humanitäres Aufnahmeland zur Verfügung zu stehen.
Transitland Österreich
Tatsächlich aber fungierte Österreich als Transitland. Von den rund 180.000 Geflüchteten blieben nicht einmal 15.000 dauerhaft in Österreich. Die meisten fanden rasch Aufnahme in den USA, Kanada, Großbritannien, der BRD und der Schweiz. Auch das österreichische Budget belastete die Flüchtlingshilfe wenig. Die Sympathiewelle, die den Ungarinnen und Ungarn für den Widerstand gegen das kommunistische Regime entgegenschlug, führte zu einem breiten internationalen Spendenaufkommen.
Buchhinweis
Sarah Knoll: Zwischen Aufnahme und Transit. Österreichische Asyl- und Flüchtlingspolitik im Kalten Krieg. Transcript Verlag, 330 Seiten.
Die Lage unbegleiteter Minderjähriger
Schwierig gestaltete sich die Lage unbegleiteter Minderjähriger. Ungarische Quellen zufolge hatten 10.000 unter 18-Jährige ihre Familien verlassen. Österreich erfasste im Februar 1957 5.237 Jugendliche dieser Gruppe. Im Frühjahr befanden sich noch immer Tausende von ihnen in den österreichischen Flüchtlingslagern, teilweise unter sehr schlechten Bedingungen.
Ungarn drängte auf die Repatriierung der unbegleiteten Minderjährigen. Österreich beharrte auf dem Standpunkt zuzuwarten, bis diese Jugendlichen großjährig wurden und dann eigene Entscheidungen treffen konnten. Doch bis dahin mussten sie in Österreich betreut werden.
Erinnerungen an Übergriffe im Lager
Einer dieser unbegleiteten Minderjährigen war der heute 86-jährige Tibor Szemeredi. Mit knapp 15 flüchtete er im Jänner 1957 mit einem 13-jährigen Freund nach Österreich. Am Volksaufstand hatte er sich durch Munitionstransporte und Botendienste beteiligt. Insgesamt durchlief er in Österreich fünf Lager.
Das Barackenlager in Haid bei Ansfelden in Oberösterreich, ein ehemaliges NS-Zwangsarbeiterlager, hat Szemeredi in besonders schlechter Erinnerung: den Mangel an Heizmaterial und vor allem die Übergriffe eines, wie er sagt, pädophilen Seelsorgers. Erst im April wurde er einem Lager in Wels in Oberösterreich zugewiesen, wo unbegleitete Minderjährige getrennt von den Erwachsenen betreut wurden.
Erinnerungen an Flucht über die grüne Grenze
Rund 200.000 Menschen flüchteten nach der sowjetischen Niederschlagung des ungarischen Volksaufstands vor 70 Jahren. Die Erinnerungen an damals haben sich bei den Geflohenen tief eingeprägt.
Ungarische Mittelschulen
Für Szemeredi und rund tausend andere ungarische Jugendliche wurden schließlich die ungarischen Mittelschulen zur neuen Heimat. Diese Schulen waren – bis auf das ungarische Gymnasium in Innsbruck – Neugründungen, die unbegleiteten Minderjährigen ein Dach über dem Kopf boten und zügig eine Matura ermöglichen sollten.
Unterrichtssprache war Ungarisch. Eine Integration von älteren Schülern und Schülerinnen ohne Sprachkenntnisse ins österreichische Schulwesen schien damals schwierig. Die Schulen litten unter starken Nachkriegsmängeln wie akuter Raumnot und maroder Bausubstanz.
Unterricht unter besonderen Bedingungen
Der Historiker Deak, der selbst drei dieser Schulen durchlaufen hatte, beschäftigte sich später wissenschaftlich damit. Insgesamt gab es sechs derartige Institutionen: Obertraun und Kammer am Attersee (beide Oberösterreich), Grän und Wiesenhof (beide Tirol), Iselsberg (Kärnten) und Innsbruck. Bis auf Iselsberg und Innsbruck waren diese Schule Provisorien, die oft nur einige Monate existierten. Deak sagte im Gespräch mit dem ORF, dass es sich um „besondere“ Schulen in einer „außerordentlichen Situation“ gehandelt habe.
Anfangs sei es schwierig gewesen, geeignete ungarische Schulbücher zu bekommen. Die Lehrenden waren meist selbst Geflüchtete ohne feste Existenz, das ergab eine große Fluktuation. Die meisten Schüler hätten unter der Entwurzelung gelitten, diese habe vielfach schon vor der Flucht stattgefunden.
Lernen in Abgeschiedenheit
Bis auf Innsbruck befanden sich die Schulen in dörflicher Abgeschiedenheit. Das bedeutete für die Schüler wenig Kontakt zur Außenwelt, was wiederum dem Deutschlernen nicht förderlich war. Ins Positive gewendet waren diese Schulen so etwas wie ungarische Inseln. Materiell waren die Zöglinge ausreichend versorgt. Schulfeiern stärkten den Gemeinschaftsgeist.
Vereint hat die Schüler trotz unterschiedlicher Hintergründe die Begeisterung für den ungarischen Volksaufstand. Am Vorabend des zweiten Jahrestags der Niederschlagung der Revolution notierte die Vizedirektorin von Iselsberg: „Die Kinder haben ein symbolisches Grab errichtet und wollen während der Nacht Wache halten. F. gab keine Erlaubnis. Sie tun es trotzdem.“
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Schulabschluss trotz Schwierigkeiten
Trotz vieler Schwierigkeiten schafften insgesamt 877 Schüler und Schülerinnen der ungarischen Gymnasien die Matura. Vielen Absolventen gelang ein Hochschulstudium, Szemeredi zählte die sehr unterschiedlichen Lebenswege seiner ehemaligen Mitschüler auf: „Kellner, Bankräuber, Balletttänzer, Regisseur und Schauspieler, Militärpilot“. Einige seien weiteremigriert. Szemeredi absolvierte nach der Matura in Wien eine Ausbildung als Elektrotechniker mit einem Stipendium der privaten US-amerikanischen Rockefeller Foundation.
1956 im kollektiven Gedächtnis
Hilfsprojekte wie die ungarischen Mittelschulen wurden fast ausschließlich aus dem Ausland finanziert. Die spontane Hilfsbereitschaft, mit der Österreich 1956 ungarischen Geflüchteten begegnete, blieb dank breiter zeitgenössischer Berichterstattung stark im kollektiven Gedächtnis verankert.
Völlig in den Hintergrund trat hingegen die Tatsache, dass die Hilfsmaßnahmen, mit denen sich Österreich 1956 erstmals international als westliche Demokratie profilieren konnte, fast ausschließlich mit ausländischer Unterstützung möglich waren.
Source: ORF · ORF.at
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