US-Midterms
Glaubt man den Umfragen, dann werden die US-Demokraten aus den Midterms als Gewinner hervorgehen. Ein Grund dafür ist, dass es einige recht neue Gesichter im Wahlkampf geschafft haben, ein starkes Profil aufzubauen, das auch über die Grenzen der Bundesstaaten hinweg für Aufsehen sorgt – wie James Talarico in Texas und Abdul El-Sayed in Michigan. Die Demokraten setzten zuletzt auch auf ein bewährtes Zugpferd: Ex-Präsident Barack Obama.
Online seit heute, 6.06 Uhr
Obama absolvierte am Wochenende zwei Wahlkampfauftritte in für Demokraten wichtigen Bundesstaaten. In Cleveland, Ohio, warb er für den Senatskandidaten Sherrod Brown und Amy Acton, die gegen den Republikaner Vivek Ramaswamy um das Gouverneursamt und seine Schmutzkübelkampagne kämpft – mehr dazu in Empörung über US-Wahlkampfvideo.
In Detroit in Michigan unterstützte Obama den Mediziner El-Sayed, der für den Senat kandidiert. Obama schoss sich in den Reden scharf auf US-Präsident Donald Trump ein: Die Wahl am 3. November sei eine „Notbremse“, um „zumindest einen Teil des Wahnsinns“ der Trump-Präsidentschaft einzudämmen, sagte Obama.
Obama mit ausgesuchten Auftritten
Der Angriff auf den Iran habe Teheran mehr wirtschaftlichen Einfluss verschafft. Er verspottete auch die Renovierungsarbeiten im Weißen Haus. „Er hat das Weiße Haus so aussehen lassen, als hätte Saddam Hussein eine Cheesecake Factory eröffnet“, sagte Obama.
Obama gilt in den USA als polarisierende Figur, der zwar bei den demokratischen Wählerinnen und Wählern beliebt, dafür für viele republikanische ein rotes Tuch ist. Sein Einsatz im Wahlkampf gilt deswegen laut Beobachtern als heikel – und nur als sinnvoll, wenn es nicht darum geht, Wechselwähler abzuholen.
El-Sayed sorgt für Furore
In der bei den Demokraten umstrittenen Frage der Ausrichtung setzte Obama recht früh auf den linken Flügel der Partei: Er unterstützte den New Yorker Bürgermeister Zohran Mamdani und nun auch El-Sayed. Das sei durchaus bemerkenswert, konstatierte Anfang Oktober „The Atlantic“, habe Obama doch die Rhetorik der Linken früher öfter kritisiert.
El-Sayed setzt im Wahlkampf vor allem auf das Thema Krankenversicherung: Trump hatte die Ausgaben für Medicaid, das staatliche Krankenversicherungsprogramm für einkommensschwache Menschen, um rund eine Billion Dollar gekürzt – und die Einschränkungen zum Zugang werden mit 2027 in Kraft treten.
Angriffe von Trump
El-Sayed gilt auch als wortgewandter Kritiker der US-Außenpolitik von den Angriffen auf den Iran bis zu den US-Hilfen für Israel. Trump nennt den bekennenden Muslim „Mohammed“ und beschimpft ihn als „Sympathisanten von Terroristen“. El-Sayeds israelkritische Aussagen wurden aber auch von anderen vielfach als antisemitisch gewertet. Ähnlich wie Mamdani versuchte er diese Kritik zu entkräften.
Politisch unterstützt wird er vom Linken-Veteranen Bernie Sanders und von Alexandria Ocasio-Cortez, die sich schon vor einigen Jahren als Star des linken Lagers etabliert hat. Vor fast acht Jahren zog sie als damals jüngste Abgeordnete für New York in den Kongress ein. Sie dürfte ihr Mandat laut Umfragen problemlos verteidigen – auch dank ihrer Beliebtheit in sozialen Netzwerken. „AOC“, wie sie sich kurz nennt, liebäugelt schon länger mit einer Präsidentschaftsbewerbung 2028, für die Demokraten wäre das aber wohl eine sehr heikle Angelegenheit.
Hoffnungsträger Ossoff
Jedenfalls höhere politische Weihen werden Jon Ossoff zugetraut. Mit 39 ist er der derzeit jüngste Senator, seit vier Jahren hält er für Georgia den Sitz. Er ist der erste jüdische Senator in dem „Swing-State“ und wirbt um seine Wiederwahl.
In Umfragen liegt der Journalist und Harvard-Absolvent deutlich vor seinem Herausforderer, dem republikanischen Kongressabgeordneten Mike Collins. Trump beschimpfte Ossoff als „schwachen, arroganten, hasserfüllten radikal linken Senator“, obwohl er bei den Demokraten zu den Moderaten zählt. Auch Ossoff bekam am Mittwoch Unterstützung von Obama.
„Die Entscheidungen, vor denen wir derzeit stehen, haben eine moralische Komponente“, sagte Obama bei seinem gemeinsamen Auftritt mit Ossoff in Morrow. Ossoff warf der Trump-Regierung Korruption vor und betonte: „Georgia wird sich vor keinem König beugen.“
Ausnahmeerscheinung in Texas
Als der Shootingstar gilt der 37-jährige Talarico, der erstmals seit Jahrzehnten einen texanischen Senatssitz für die Demokraten holen könnte. Talarico, der ein protestantisches Priesterseminar besucht hat, pocht auf Moral und Gerechtigkeit in politischen wie wirtschaftlichen Fragen und schafft es damit, auch viele republikanische Wählerinnen und Wähler abzuholen – mehr dazu in Talarico als Shootingstar der Demokraten.
In die Hände spielt ihm die Vergangenheit seines Konkurrenten Ken Paxton, der in etliche Skandale verwickelt war – von Korruptionsfällen bis zu einem turbulenten Privatleben, das im Gegensatz zu seinem religiösen Engagement steht. Talarico profitiert zudem von einer prall gefüllten Wahlkampfkasse: Er sammelte kolportiert rund 134 Millionen US-Dollar ein, vor allem aus Kleinspenden. Das ist die größte Summe im laufenden Wahlkampf, hinter ihm rangiert Ossoff.
Doch dass demokratische Hoffnungen in Texas auch sehr schnell wieder verpuffen können, zeigte Beto O’Rourke. Er lieferte 2018 dem damaligen republikanischen Senator Ted Cruz einen spannenden Wahlkampf. Selbst nach seiner Niederlage galt O’Rourke als Hoffnungsträger. Doch seine Pläne für eine Präsidentschaftskandidatur musste er rasch begraben, nach seiner Niederlage bei der Gouverneurswahl 2022 verschwand er von der politischen Bildfläche.
Rückkehr der „Prärie-Populisten“
Dass die Demokraten bei der Wahl regional mittlerweile treffsicherer geworden sind, zeigt sich auch mit einer Spezies von Kandidaten, die schon als ausgestorben galten: „Prärie-Populisten“, eine Bezeichnung, die ihre Wurzeln im 19. Jahrhundert hat.
Gemeint sind Politiker in den ländlich geprägten Great Plains östlich der Rocky Mountains, die sich für die Interessen der Farmer und Landarbeiter einsetzen. In Iowa übernahm Josh Turek die Selbstbezeichnung. Der Demokrat, der früher als Rollstuhlbasketballer Karriere machte, könnte den bisher republikanischen Senatssitz erobern.
Unermüdlicher Wahlkampf
In Montana kämpft Sam Forstag um einen Kongresssitz, der eigentlich als fixe Bank für die Republikaner galt. Doch der Feuerwehrmann und Gewerkschafter liegt in Umfragen Kopf an Kopf mit dem Republikaner Aaron Flint.
Auch Dan Osborn fällt in diese Kategorie, auch wenn er in Nebraska als Unabhängiger für den Senat kandidiert: Vor zwei Jahren scheiterte der Gewerkschafter noch, doch diesmal könnte er mit seinem Wahlkampf, für den er jedes County im Bundesstaat abklapperte, erfolgreich sein. Auch die Farmerin Hallie Shoffner in Arkansas und der unabhängige Kandidat Seth Bodnar in Montana versuchen so ihr Glück – sie liegen in Umfragen aber zurück.
Source: ORF · ORF.at
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