Zeitumstellung

Die Sommerzeit ist vorbei: In der Nacht auf Sonntag werden die Uhren eine Stunde zurückgestellt. Die Debatte über eine Abschaffung in der EU ist auch heuer wieder kurz aufgeflammt, wirkt aber zunehmend lustlos. Dass die Auswirkungen einer ganzjährigen Standardzeit in Europa schon einmal ein paar Jahre getestet wurde, ist in Vergessenheit geraten: Großbritannien hat sich vor fast 60 Jahren getraut – und ist gescheitert.

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Statt die Vor- und Nachteile der Zeitumstellung nur in der Theorie zu diskutieren, beschloss die Labour-Regierung unter Harold Wilson 1968, bei der Sommerzeit zu bleiben. Die Abkürzung der British Summer Time, BST, eignete sich praktischerweise für die neue British Standard Time und wurde beibehalten. Eine endgültige Festlegung sollte der Beschluss allerdings nicht sein: Das Experiment war auf drei Jahre angelegt, und erst eine umfassende Evaluierung sollte eine endgültige Entscheidung bringen.

Der Bericht „Review of British Standard Time“, der 1970 im Unterhaus als Grundlage für die Abstimmung dienen sollte, war wenig ergiebig. Man könne keine klare Empfehlung abgeben, weil sich Vor- und Nachteile ausgleichen würden, etwa in Bezug auf die Verkehrssicherheit. Die dauerhafte Sommerzeit hätte wegen längerer Dunkelheit zu einem Anstieg der Unfälle im winterlichen Frühverkehr gesorgt, das wurde dann aber wieder durch einen größeren Rückgang von Unfällen an den helleren Abenden überkompensiert.

Britischer Premier Harold Wilson im Jahr 1969
Premier Harold Wilson versuchte die Zeitumstellung loszuwerden

Tiefe Kluft zwischen BST-Fans und -Feinden

Auch im Bericht zitierte Meinungsumfragen trugen nicht zur Klärung bei. Ähnlich wie heute hielten sich Befürworter und Gegner der Zeitumstellung in etwa die Waage, mit einem leichten Überhang zur dauerhaften Einheitszeit. So wie die anderen Auswirkungen auch sei die Einstellung der Bevölkerung regional sehr unterschiedlich: Vor allem im Norden Englands und in Schottland war die Standardzeit extrem unbeliebt. Dort ging die Sonne im tiefsten Winter teilweise erst gegen 10.00 Uhr in der Früh auf, sodass Schulkinder und Berufstätige stundenlang in völliger Dunkelheit unterwegs sein mussten.

Kritikerinnen und Kritiker verwiesen darauf, dass das Experiment primär den Interessen der Finanz- und Handelsbranche in London diente. Durch die Angleichung an die mitteleuropäische Zeitzone (BST entspricht der mitteleuropäischen Normalzeit) wurden die Handelszeiten mit Paris und Frankfurt synchronisiert.

Gewerkschaften und Vertreter von Schlüsselbranchen erhoben außerdem den Vorwurf, dass diese wirtschaftlichen Profite auf dem Rücken der Arbeitssicherheit im Baugewerbe, der Landwirtschaft und der Post ausgetragen wurden. Diese Gruppen mussten über Monate hinweg die gefährlichsten Stunden ihrer Schichten ohne Tageslicht verbringen.

Straßenszene in London im Jahr 1970
Die Londoner Bevölkerung war der Dauersommerzeit nicht abgeneigt – Widerstand kam eher aus dem Norden

Hitzige Debatten vor und nach Abstimmung

Trotzdem waren im Parlament die Gegner des Experiments in der deutlichen Überzahl: Mit 366 zu 81 Stimmen wurde entschieden, dass man zur Zeitumstellung zurückkehren wollte. In Protokollen hitziger Sitzungen sowohl im Ober- als auch im Unterhaus lässt sich einiges an Unmut über den Ablauf ablesen: Wenn man sich doch einig sei, könnte man doch schon ein Jahr früher wieder zum altbewährten Zeitumstellungszyklus zurückkehren, forderten die Abgeordneten.

Befürworterinnen und Befürworter der dauerhaften Sommerzeit, unter anderem aus der Tourismus- und Freizeitbranche, fühlten sich nun wiederum ausgebootet und verwiesen auf die Bevölkerungsumfrage, in der sich immerhin 50 Prozent für die ewige Sommerzeit ausgesprochen hätten. Sie warfen den Abgeordneten vor, sich von einer lautstarken Minderheit, vor allem der Agrarlobby und schottischen Nationalisten, einschüchtern lassen zu haben.

Experiment beendet, Debatte nicht

Nichtsdestoweniger scheiterte das Experiment und seit Ende März 1971 wird auch in Großbritannien wieder zweimal jährlich die Uhr umgestellt. Keinen Effekt hatte der Versuch auf das Verhältnis der Britinnen und Briten zur Zeitumstellung. Die Debatten über Sinn und Unsinn rissen nicht ab.

2012 scheiterte ein neuerlicher parlamentarischer Antrag auf eine dreijährige Testphase. Die Regierung signalisierte zwar Zustimmung, knüpfte diese aber an die Bedingung, dass die Regionalregierungen in Schottland, Wales und Nordirland zustimmen müssten.

Wie der „Guardian“ berichtete, war es letztlich eine kleine Gruppe Abgeordneter, die den Antrag zu Fall brachte. Angeführt vom ultrakonservativen Tory-Abgeordneten Jacob Rees-Mogg, der später vor allem als radikaler Brexit-Befürworter auffiel, blockierten sie den Antrag so lange durch Filibuster-Reden, bis die Geschäftsordnungsregeln des Unterhauses keine weitere Debatte mehr darüber erlaubten.

Running Gag in Brüssel

Mit dem Austritt aus der EU 2020 ist Großbritannien auch aus dem Schneider, was eine von der EU-Kommission vorgeschlagene und vom EU-Parlament unterstützte Abschaffung der Zeitumstellung angeht. Seit sieben Jahren scheitert die Umsetzung an der Einigung im Rat.

Über 40 EU-Parlamentsabgeordnete aus 15 EU-Ländern und sechs politischen Fraktionen forderten die EU-Verkehrsminister jetzt erneut dazu auf, sich dem Thema zu widmen. Zu den Unterzeichnern des Briefes zählen die ÖVP-EU-Abgeordneten Sophia Kircher, die auch Verkehrssprecherin ist, und Lukas Mandl sowie SPÖ-EU-Delegationsleiter Andreas Schieder, Mitglied im Ausschuss für Verkehr des EU-Parlaments.

Die EU-Kommission hat eine neue Studie angekündigt, die bei der Entscheidungsfindung helfen soll. Letztes Jahr um diese Zeit hieß es, die Ergebnisse kämen „bald“. Heuer heißt es, sie kämen noch in diesem Jahr – und damit vielleicht vor der nächsten Zeitumstellung.

Source: ORF · ORF.at

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