Versteckte Emissionen
Mehr als 65 Millionen Tonnen CO2-Äquivalente stößt Österreich an Emissionen aus – das zeigt die offizielle Klimabilanz. Berechnet man allerdings auch Treibhausgase der im Ausland produzierten Produkte mit ein, steigen die Emissionen um 40 Prozent. Importierte Emissionen müssten daher in die Klimaziele einbezogen werden, forderte die globalisierungskritische NGO ATTAC am Montag.
Online seit heute, 6.03 Uhr
Laut den offiziellen Zahlen des Umweltbundesamts sind die Treibhausgasemissionen in Österreich in den letzten fünf Jahren etwas gesunken – von rund 78 Millionen Tonnen CO2-Äquivalenten 2021 auf rund 67 Millionen 2025. Doch die Klimabilanz liegt eigentlich noch höher, wie ATTAC am Montag berichtete.
Die NGO bezieht sich dabei auf den Traded Emissions Tracker der European Climate Foundation einer internationalen Stiftung, mit dem Ziel, eine Klima- und Energiepolitik zu fördern, „die die europäischen Treibhausgasemissionen deutlich senkt“.
Demzufolge liegen die konsumbasierten Emissionen rund 40 Prozent höher als die produktionsbasierten. Denn „ein großer Teil dessen, was in Österreich konsumiert wird, wird im Ausland produziert und verursacht dort Emissionen“, schrieb ATTAC in einer Presseaussendung.
Berichtspflicht nur für produktionsbasierte Emissionen
Produktionsbasierte Emissionen beinhalten alle Treibhausgase, die innerhalb eines geografischen Gebiets, etwa innerhalb Österreichs, durch Produktionstätigkeiten, Landwirtschaft, Verkehr und Haushalte direkt anfallen.
CO2-Äquivalente
Um neben CO2 auch weitere Treibhausgase (z. B. Methan) zu berücksichtigen, wird deren Wirkung auf die Erderwärmung in die äquivalente Menge CO2 umgerechnet.
Konsumbasierte Emissionen berücksichtigen wiederum auch Importe und Exporte von Emissionen. Das heißt, Treibhausgase, die im Ausland für den inländischen Konsum freigesetzt werden, werden miteinbezogen, während Treibhausgase, die im Inland für den Konsum im Ausland entstehen, abgezogen werden.
Im Rahmen der Klimarahmenkonvention der Vereinten Nationen (UNFCCC) ist auch Österreich verpflichtet, regelmäßig seine Treibhausgasemissionen zu erfassen und zu veröffentlichen. Gemäß den rechtlichen Vorgaben entspricht das den produktionsbasierten Emissionen, weshalb in der offiziellen Klimabilanz keine konsumbasierten Emissionen enthalten sind.
Vor allem Industrieländer importieren Emissionen
Laut Traded Emissions Tracker stammten 2023 fast zwei Drittel der importierten Emissionen in Österreich aus Drittstaaten. Rund 35 Prozent der Importe entfielen auf EU-Staaten, darunter 12,3 Prozent auf Deutschland. Danach folgen China mit 19 Prozent, Russland mit vier Prozent sowie die Vereinigten Staaten mit drei Prozent.
Der größte Anteil der importierten Treibhausgase ist auf die Energieerzeugung zurückzuführen. 15,5 Millionen Tonnen CO2-Äquivalente – das entspricht etwa einem Viertel der importierten Emissionen – entfallen auf den Energiesektor. Auch für die Gewinnung fossiler Brennstoffe, die in Österreich konsumiert wurden, fielen 2023 knapp zehn Millionen Tonnen CO2-Äquivalente im Ausland an.
„Industrieländer importieren vermehrt auch emissionsintensive Güter“, erklärte Karl Steininger, Leiter des Wegener Center für Klima und Globalen Wandel der Universität Graz. Auch Österreich sei da keine Ausnahme, so der Klimaökonom im Gespräch mit ORF.at.
„Bei kleinen, offenen Volkswirtschaften ist grundsätzlich das Potenzial des Imports emissionsintensiver Güter höher, weil es einen größeren Außenhandelsanteil gibt. Und im Fall Österreichs ist es so, dass wir in den Importen wesentlich mehr Emissionen drinnen haben, als wir an emissionsintensiven Gütern exportieren.“
„Beide Arten der Emissionen im Blick haben“
Dass Österreich bewusst seine Emissionen ins Ausland auslagert, sieht der Klimaexperte jedoch nicht. „Es ist wichtig zu wissen, dass wir durch den Import woanders Emissionen verursachen. Aber es ist im Fall Österreichs bisher keine aktive Politik dahinter, die diese Emissionen verlagert.“
Österreichs Wirtschaftsstruktur bedinge aktuell den Import von emissionsintensiven Gütern. Ein Beispiel sei etwa, dass fossile Energie von außen bezogen werde, weil es zu wenig davon im Inland gebe. Auch Textilien würden importiert, die Produktion sei aber wegen der Arbeitskostenunterschiede und nicht wegen der Klimapolitik ausgelagert worden.
Welche der beiden Berechnungsmethoden die korrektere ist, lasse sich nicht sagen, so Steininger: „Es ist wichtig, dass wir beide Arten der Emissionen im Blick haben, weil wir beide gestalten können.“ Über Vorgaben an die Produktionsweise könnten etwa die produktionsbasierten Emissionen beeinflusst werden. Aber auch die konsumbasierten Emissionen ließen sich über Vorgaben an das Produkt steuern.
CO2-Zoll seit Jahresbeginn
Seit Anfang des Jahres greift das Europäische CO2-Grenzausgleichssystem (CBAM). Damit müssen Unternehmen für Treibhausgase, die bei der Herstellung bestimmter importierter Waren entstehen, einen Preis in Form von Zertifikaten bezahlen. Für das dritte Quartal lag der Preis bei 82,32 Euro pro Tonne CO2. Derzeit betrifft der CO2-Zoll nur bestimmte Waren, darunter etwa Eisen und Stahl, Zement, Aluminium und Düngemittel.
Der Effekt des CO2-Grenzausgleichssystems lasse sich derzeit noch schwer beziffern, erklärte Steininger. „Es betrifft derzeit erst zwei bis fünf Prozent der Importe, bei denen der CO2-Zoll wirklich draufgeschlagen wird.“ Denn der Kauf der notwendigen CBAM-Zertifikate für emissionsintensive Güter wird erst stufenweise ausgeweitet und soll ab 1. Jänner 2027 rückwirkend für das Jahr 2026 zunächst nur für wenige Prozent der Emissionen erfolgen.
„Importierte Emissionen in Klimazielen berücksichtigen“
Nicht nur auf Bundesebene, etwa über Steuergesetzgebung, kann Klimapolitik die Emissionsbilanz beeinflussen, auch auf Landes- und Gemeindeebene können zum Beispiel über die Bau- und Raumordnung Emissionen gesteuert werden. „Zunehmend interessieren sich auch diese Gesetzesebenen dafür, die Emissionen zu kennen und die Wirkung der eigenen Klimapolitik anhand der konsumbasierten Emissionen zu beurteilen“, so Steininger.
ATTAC forderte angesichts der doch sehr unterschiedlichen Zahlen, dass importierte Emissionen in die Klimaziele einbezogen und reduziert werden müssten. „Nur so wird sichtbar, ob nationale Klimapolitik tatsächlich zur Verringerung der globalen Emissionen beiträgt“, so ATTAC-Handelsexpertin Theresa Kofler im ORF-Interview.
Die NGO kritisierte außerdem die zahlreichen EU-Handelsabkommen. Diese würden importierte Emissionen weiter erhöhen. Die Handelsabkommen enthielten zwar Nachhaltigkeitskapitel, so Kofler, doch die Handelsregeln seien wesentlich besser geschützt als die Klimaschutzbestimmungen. Außerdem gelte es, die regionale Wirtschaft zu stärken: „Bei der öffentlichen Beschaffung sollten neben ökologischen auch regionale und soziale Kriterien stärker berücksichtigt und deren Einhaltung kontrolliert werden.“
Zwar wäre ein Klimaneutralitätsziel, das auch importierte Emissionen miteinberechnet, ambitionierter und daher schwieriger zu erreichen, meinte Klimaökonom Steininger. Aber es gebe dann auch „den Anreiz, diese Ziele an andere Länder weiterzugeben, was eine größere globale Wirkung hätte“.
Source: ORF · ORF.at
At a glance
- Topic
- World
- Country
- 🇦🇹 AT
- Publisher language
- DE
- Added to Allnira