Huthis im Jemen

Die proiranischen Huthis im Jemen haben sich in den vergangenen Jahren von einer Guerillagruppe zu einem der wichtigsten Faktoren im Nahen Osten entwickelt. Dabei dürften die Rebellen gleichzeitig ihre Abhängigkeit von Teheran bei Waffenlieferungen verringert haben. Denn für den Waffenbau benötigte Güter würden heute vor allem aus China importiert, berichtete der „Economist“ am Sonntag.

Online seit heute, 23.31 Uhr

Nachdem die Huthis 2014 die jemenitische Hauptstadt Sanaa eingenommen hatten, fuhr Teheran die Unterstützung der Rebellen als Teil der antiisraelischen und größtenteils islamistischen „Achse des Widerstands“ hoch. Seit der saudi-arabischen Intervention im zweigeteilten Jemen, wo zerrüttete Regierungstruppen im Osten gegen die Huthis im Westen kämpfen, liefert der Iran den Huthis schwere Waffen, darunter auch ballistische Raketen.

Ende September behaupteten die Rebellen aber, dass mittlerweile ein Gros der Waffen selbst hergestellt werde. Das Tempo und das Ausmaß der militärischen Aufrüstung der Huthis habe tatsächlich auch viele Beobachterinnen und Beobachter überrascht, zitierte der „Economist“ Fabian Hinz von Conflict Armaments Research (CAR), einer britischen Organisation, die den weltweiten Waffenschmuggel dokumentiert.

Laut einer Analyse des US-Thinktanks The Century Foundation enthielten in den 2010er Jahren die meisten Lieferungen, die an Gebiete der Huthis adressiert waren, einsatzbereite Waffen aus dem Iran. So wurden bei den Kontrollen etwa Raketen oder Gewehre entdeckt. Heute würden bei den Kontrollen vor allem Dual-Use-Güter aufgegriffen, die aus China stammen. Damit sind Waren gemeint, die sowohl zivil als auch militärisch eingesetzt werden können. Güter mit doppeltem Verwendungszweck sind etwa GPS-Geräte, Elektromotoren und Triebwerksteile.

Schmuggel als „Betriebsausstattung“

Diese Güter werden trotz späterer Nutzung für Waffen laut dem „Economist“ nicht selten als „Betriebsausstattung“ verschickt, um Kontrollen der jemenitischen Behörden zu umgehen. Erst im Oktober wurden laut CAR am von der jemenitischen Regierung kontrollierten Hafen von Aden Bauteile für eine ballistische Rakete beschlagnahmt, die von einer chinesischen Firma versandt worden waren.

Etablierte internationale Kontrollmechanismen, die die Waffenlieferungen an die Huthis unterbinden sollen, treffen laut einem Bloomberg-Bericht aber keine Dual-Use-Güter. Trotz eines UNO-Waffenembargos gegen die proiranischen Rebellen können Mittelsmänner in China deswegen ungestört Teile einkaufen und in den Jemen exportieren.

Eine UNO-Seemission bliebe dem „Economist“ zufolge zudem machtlos, weil die Inspektoren verdächtige Schiffe nicht stoppen oder durchsuchen dürften. Die chinesische Regierung weist die Vorwürfe, Lieferungen an die Huthis zu unterstützen, zurück. Die Ausfuhr von Dual-Use-Gütern stehe im Einklang mit den eigenen Gesetzen und internationalen Verpflichtungen, hieß es.

Munition zwischen Obst und Gemüse

Teilweise sollen die Huthis auch Schmuggelrouten an Land nutzen: So sollen für den Waffenbau benötigte Waren über die Vereinigten Arabischen Emirate und durch Oman transportiert werden. Auch in Dschibuti und Somalia sollen Huthi-Schmuggler aktiv sein.

Laut dem vom „Economist“ zitierten Ex-US-Sonderbeauftragten für den Jemen, Tim Lenderking, betreiben die Huthi-Rebellen einen großen Aufwand, um das Schmuggelnetzwerk aufrechtzuerhalten. Munition werde teilweise etwa in Lastwagen versteckt, die Obst und Gemüse transportieren. Güter würden überhaupt auf großen Schiffen, auf kleinen Booten, auf Tieren und sogar „auf Rücken von Menschen“ transportiert.

Höhlen wurden zu Waffenproduktionsstätten

Auch die jemenitische Regierung kann nur schwer gegen die Lieferungen vorgehen. Denn die Exekutive des Jemen, der Präsidialrat, besteht aus mehreren, teilweise rivalisierenden Fraktionen. Das erschwert auch die Überwachung der Importe: Verschiedene Kommandozentralen würden von unterschiedlichen Fraktionen kontrolliert, „ein Alptraum“, zitierte der „Economist“ den Analysten und jemenitischen Aktivisten Baraa Shiban vom Londoner Thinktank Royal United Services Institute.

Rauchschwaden beim internationalen Flughafen der saudi-arabischen Hauptstadt Riad
Beim bisher schwersten Huthi-Angriff auf den Flughafen Riad im Oktober wurden zwölf Menschen getötet und Hunderte verletzt

Nach dem Import sollen die Güter von den Huthis in Höhlen des jemenitischen Hochlands gebracht werden. In dem Gebirge finde dann die eigentliche Zusammensetzung bzw. die Produktion der Waffen statt, berichtete der „Economist“. Satellitenüberwachung ist in dem Gebiet nur schwer möglich.

Die Huthis sollen auch eine abgewandelte Version der iranischen Mittelstreckenrakete „Cheibar Schekan“ mit chinesischen Teilen bauen, berichtete das „Wall Street Journal“ im Oktober. Auch damit könnte das Waffenarsenal der Huthis weiter anwachsen und die Abhängigkeit von Teheran verringert werden. Überhaupt würden sich die Rebellen nicht als Marionette des Iran, sondern als die „eigentlichen Herrscher des Jemen“ sehen, schrieb der „Economist“.

Über 300.000 Menschen auf der Flucht

In den vergangenen Monaten trafen die Huthis mehrmals wichtige Flughäfen in Saudi-Arabien mit Raketen. Zahlreiche Zivilistinnen und Zivilisten wurden dabei getötet, Hunderte verletzt. Erst am Samstag sei eine Drohne in der Region um die Hauptstadt Riad abgefangen worden, teilte die von Saudi-Arabien geführte Militärkoalition, die die jemenitische Regierung unterstützt, mit.

Besonders heftig trifft der Krieg die Bevölkerung im Jemen. UNO-Angaben zufolge sind aktuell mehr als 300.000 Menschen im Westen des Landes auf der Flucht. Nahezu alle Betroffenen seien in den vergangenen zwei Monaten aus ihren Heimatorten geflohen, so die Internationale Organisation für Migration (IOM) am Sonntag. Die Menschen brauchten „dringend Schutz, Nahrung, sauberes Wasser und Gesundheitsversorgung“.

Source: ORF · ORF.at

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