Weltweit größter Kryptoraub
Die weltgrößte Kryptobörse Binance will nach dem Rekorddiebstahl von Digitalwährungen im Wert von 6,3 Mrd. Dollar (gut 5,6 Mrd. Euro) die Auszahlungen schrittweise wieder aufnehmen. Die erste Phase sollte noch am Sonntag beginnen und unter anderem Bitcoin, Ether und Dogecoin umfassen, wie das Unternehmen auf der Plattform X mitteilte. Zuvor hatte das FBI bekanntgegeben, dass Nordkorea hinter dem größten digitalen Finanzverbrechen der Geschichte stehe.
Online seit heute, 12.27 Uhr
Binance habe mittlerweile 95 Prozent der gestohlenen Summe abgedeckt. Die verbliebenen fünf Prozent bestünden aus weniger liquiden Vermögenswerten, deren Ersatz länger dauern könne. Binance hatte nach eigenen Angaben intern rund 6,34 Mrd. Dollar (5,66 Mrd. Euro) an eigenen Mitteln zurückgelegt, um die Verluste zu decken. Die Plattform zählt laut eigenen Angaben 335 Millionen Nutzer und Nutzerinnen.
Um das Vertrauen der Kundschaft wiederherzustellen, kündigte Binance an, an diesem Montag einen aktualisierten Deckungsnachweis („Proof of Reserves“) vorzulegen. Mit diesem kryptografischen Verfahren können Nutzer und Nutzerinnen rechnerisch überprüfen, ob ihre individuellen Kontoguthaben tatsächlich eins zu eins durch reale Bestände in den Firmenwallets hinterlegt sind.
Sollten sich die Angaben der Plattform bestätigen, würde der nach der Schadenssumme größte Hackerangriff der Kryptogeschichte für die Kunden und Kundinnen glimpflich enden: Da die Börse die Milliardenverluste offenbar vollständig selbst ausgleicht, blieben die Anleger vor direkten Totalverlusten oder zwangsweisen Vermögensschnitten verschont.
FBI: Nordkorea verantwortlich
Zugleich machte die US-Bundespolizei FBI Nordkorea für den weltweit größten digitalen Raub verantwortlich. Eine staatlich unterstützte nordkoreanische Hackergruppe namens „TraderTraitor“ stecke hinter dem Cyberangriff. Bereits am Freitag – also rasch nach Bekanntwerden des Vorfalls – wurde eine nordkoreanische Täterschaft dahinter vermutet, konkret von Cybersicherheitsexperten der auf Blockchain-Daten spezialisierten Analysefirma TRM Labs.
Warnung vor Geldwäsche über Ethereum
Das FBI warnte in einer gemeinsamen Erklärung mit dem Secret Service und der Steuerfahndung IRS-CI vor Versuchen der Angreifer, die Beute zu verschleiern. Die „TraderTraitor“-Akteure würden gestohlene Bestände vor allem in die zweitgrößte Kryptowährung Ethereum (ETH) tauschen.
„Es wird erwartet, dass diese Vermögenswerte anschließend über dezentrale digitale Finanzdienste (DeFi) und Soforttauschbörsen weiter gewaschen werden“, warnten die Ermittler. Das FBI rief Betreiber von Kryptodiensten dazu auf, Transaktionen zu blockieren, „die von den Adressen stammen oder mit diesen verknüpft sind, welche die ‚TraderTraitor‘-Akteure zur Geldwäsche der gestohlenen Mittel nutzen“.
Keine Stellungnahme aus Nordkorea
Von Nordkorea liegt derzeit keine Stellungnahme vor. Die stalinistische Regierung in Pjöngjang bestreitet seit Jahren Vorwürfe, staatliche Cybereinheiten für Spionage oder Finanzdiebstähle einzusetzen. US-Präsident Donald Trump hatte sich in der Vergangenheit meist um ein gutes Verhältnis zum dortigen Diktator Kim Jong Un bemüht.
Laut Erkenntnissen der Analysefirma TRM Labs bewegten die Angreifer einen Großteil des Betrages von über sechs Milliarden Dollar binnen 20 Minuten. Es sei der Angriff auf eine Digitalwährungsbörse mit dem größten Ausmaß gewesen. Bei der bisher schwerwiegendsten Attacke seien Anfang 2025 rund 1,5 Milliarden Dollar (rund 1,3 Mrd. Euro) in Digitalwährungen auf der Börse Bybit erbeutet worden. Auch dieser Angriff wurde der nordkoreanischen Hackergruppe zugeschrieben.
Laptop eines IT-Mitarbeiters als mögliches Einfallstor
Binance hatte von einem „komplexen Angriff“ mit mehreren Einfallstoren gesprochen. Nach früheren Unternehmensangaben könnte die Attacke über den Laptop eines IT-Mitarbeiters erfolgt sein. Hinweise auf den Diebstahl privater Schlüssel für Kryptokonten lägen bisher nicht vor.
„TraderTraitor“ wird dem Hackernetzwerk Lazarus zugerechnet, das mit nordkoreanischen Geheimdiensten in Verbindung gebracht wird. Lazarus wurde 2014 durch den mutmaßlichen Angriff auf das Filmstudio Sony Pictures bekannt. Nordkorea steht wegen seines Atom- und Raketenprogramms unter weitreichenden internationalen Sanktionen.
Laut einem Bericht der US-Armee aus dem Jahr 2020 zählt die nordkoreanische Cyberkriegseinheit „Büro 121“ rund 6.000 Beschäftigte, die teilweise vom Ausland aus operieren.
Experte: Fragen zu Sicherheit rücken in den Fokus
Die Nachricht löste auf dem Kryptomarkt Panik und deutliche Kursverluste aus. Bitcoin fiel zeitweise unter die Marke von 77.000 Dollar (rund 69.000 Euro) und damit auf den tiefsten Stand seit rund sechs Wochen. Auch andere wichtige Digitalwährungen sowie der binanceeigene Token BNB gaben spürbar nach.
„Es wird immer schwieriger, Hackerangriffe abzuwehren, da KI Schwachstellen schneller finden kann, als diese behoben werden können“, sagte Bernardo Brites, Chef von Trace Finance, einem Unternehmen für Zahlungsinfrastruktur und Stablecoins.
Salah-Eddine Bouhmidi, Analyst beim Brokerhaus IG, sagte, dass der Hack den Markt an einer empfindlichen Stelle treffe. „Auch wenn Binance den Ersatz der Verluste zugesagt hat, rücken Fragen zur Sicherheit und Verwahrung digitaler Vermögenswerte wieder in den Vordergrund.“
Source: ORF · ORF.at
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