Bangladesch
Die Textilindustrie in Bangladesch kommt nicht zur Ruhe. Nach tagelangen Protesten, die sich am Donnerstag abschwächten, wurde eine Kommission zur Änderung des Mindestlohns eingesetzt. Die Textilarbeiterinnen sind in der Zwickmühle, ob und wann sie weiter streiken sollen. Denn ob die Lohnerhöhung für die Protestierenden akzeptabel ist, wird sich erst im Dezember weisen. Dann soll die tatsächliche Lohnerhöhung bekanntgegeben werden.
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Bei den tagelangen Demonstrationen, die Anfang November begonnen hatten, setzte die Polizei nach eigenen Angaben mitunter Tränengas, Schlagstöcke und Wasserwerfer ein, um Protestierende an mehreren Orten auseinanderzutreiben.
Am Donnerstag nahmen die Beschäftigten in der Textilbranche weitgehend die Arbeit wieder auf, wie die AFP an Ort und Stelle berichtete. Allerdings blieben einige Fabriken geschlossen, es kam weiterhin zu vereinzelten Demonstrationen.
Polizei: 95 Prozent nahmen wieder Betrieb auf
Gazi Jasim Uddin, Leiter der für Industriegebiete in der Hauptstadt Dhaka und dessen Umland zuständigen Polizeieinheit, sagte zur AFP, die Proteste seien im Vergleich zu den vergangenen Tagen deutlich zurückgegangen. In Narayanganj, einer Millionenstadt nahe Dhaka, hätten mehr als 95 Prozent der Textilfabriken den Betrieb wieder aufgenommen, so Uddin.
In Gazipur und Ashulia – ebenfalls Industriegebiete in der Nähe von Dhaka – gebe es noch vereinzelte Proteste. „In Ashulia gingen die Arbeiterinnen zwar in die Fabriken, kamen aber eine Stunde später wieder heraus“, so Uddin weiter. In Gazipur hätten Demonstranten und Demonstrantinnen versucht, die Fernstraße zu besetzen.
Inflation über acht Prozent
Angesichts steigender Lebenshaltungskosten fordern Gewerkschaften und Fabrikarbeiterinnen und -arbeiter eine Anhebung des Monatsmindestlohns für Berufseinsteiger von 12.500 (rund 88 Euro) auf 30.000 Taka (rund 212 Euro). Aktuell bekommen sie nach Gewerkschaftsangaben einen Lohn von im Schnitt 13.000 Taka (rund 94 Euro) monatlich.
Den derzeitigen Mindestlohn legte die Regierung 2023 nach Protesten mit Fabrikschließungen fest. Die Gewerkschaften verweisen auf Teuerungen, etwa die hohen Energiepreise. Die Inflationsrate im September betrug mehr als acht Prozent im Vergleich zum Vorjahr.
Textilien rund 80 Prozent der Exporteinnahmen
Bangladesch ist nach China weltweit der zweitgrößte Exporteur von Kleidung, die Ausfuhren machen rund 80 Prozent der Exporteinnahmen des Landes aus. 4,5 Millionen Menschen in dem 175-Millionen-Einwohner-Land schneidern und nähen in den Tausenden Textilfabriken. Bei den meisten von ihnen handelt es sich um Frauen.
Der südasiatische Staat erzielt laut der Vereinigung seiner Bekleidungshersteller und -exporteure jährlich etwa 39 Milliarden US-Dollar (35 Mrd. Euro) durch den Kleidungsexport. Auch für die Modebranche in Europa ist Bangladesch nach China der wichtigste Importeur.
Fabrikseinsturz als Symbol für Arbeitsbedingungen
Der Einsturz des Fabrikskomplexes Rana Plaza in Savar nahe Dhaka 2013 mit mehr als 1.100 Toten wurde zum Symbol für die gefährlichen und ausbeuterischen Arbeitsbedingungen in der Textilindustrie von Bangladesch.
Die meisten Opfer waren Frauen, die dort als Textilarbeiterinnen gearbeitet hatten. Fahrlässigkeit und Baumängel sollen die Ursache der schlimmsten Fabrikskatastrophe in der Geschichte Bangladeschs gewesen sein. Der internationale Schock war groß.
Branchenverband: Weltmarkt „hart umkämpft“
In den vergangenen zwei Jahren hatten rund 400 der rund 4.000 Textilfabriken schließen müssen, zog der Textilexportverband des Landes BGMEA Anfang August Bilanz. Zehntausende Jobs fielen dadurch weg. Die Exporte auf dem „hart umkämpften“ Weltmarkt gingen zurück, und die Unternehmen hätten im Wettbewerb nicht mehr mithalten können, sagte der BGMEA-Vorsitzende Mahmudul Hasan Babu.
Die Bekleidungsimporte der Europäischen Union etwa gingen in den ersten fünf Monaten dieses Jahres zurück – die Einfuhren aus Bangladesch verzeichneten laut Eurostat-Daten dabei den stärksten Rückgang unter den wichtigsten Lieferanten.
Lobbyist: „Sind bei einfachen Produkten hängen geblieben“
Fachleute verweisen auf strukturelle Schwächen. Die Textilbranche in Bangladesch konzentriert sich nach wie vor auf Produkte mit geringen Gewinnspannen wie T-Shirts und Jeans. Die Konkurrenz produziert teurere Kleidung mit Kunstfasern. Bangladesch ist damit stark von importierter Baumwolle und anderen Fasern abhängig, das treibt die Produktionskosten in die Höhe.
„Wir sind bei einfachen Produkten hängen geblieben“, so Mohiuddin Rubel, Gründer und Geschäftsführer der Lobbygruppe Apparel Voice. Chancen im Bereich der Militäruniformen und der medizinischen Bekleidung hätten die Unternehmen „nicht voll ausgeschöpft“. Laut einer Studie der Weltbank setzen die meisten Bekleidungsfabriken in Bangladesch zudem nach wie vor auf halbautomatisierte, arbeitsintensive Prozesse – Konkurrenten wie Vietnam dagegen stellten rasch auf fortschrittliche Fertigungsverfahren um.
Der Textilexportverband fürchtet, dass sich der Druck auf die Branche in den kommenden Jahren noch verstärken wird. 2029 könnte Bangladesch den zollfreien Präferenzzugang zu den Märkten in Europa und anderen Ländern verlieren, weil dann sein Status als eines der am wenigsten entwickelten Länder auslaufen soll.
Source: ORF · ORF.at
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