„Wir meinen: Es reicht“
Alice Schwarzer stellt ihr feministisches Magazin „Emma“ ein. „Nach 50 Jahren und 398 Ausgaben mit 36.584 Seiten verlässt ‚Emma‘ die Bühne“, teilte die Journalistin und Frauenrechtlerin am Mittwoch in Köln mit. Die letzte Ausgabe erscheint im Dezember. „Emma“ werde nicht aus ökonomischen Gründen eingestellt, wie Schwarzer betonte, „nein, wir gehen, weil wir meinen: Es reicht“.
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„Emma“ habe „über drei Feministinnen-Generationen die Stellung gehalten, hat allen Moden widerstanden und gegen so manchen Unsinn im Namen des Feminismus Stellung bezogen“, hält die 83-Jährige fest: „Also gestattet: Jetzt sind wir ermattet.“ Es werde nur noch zwei Ausgaben geben, zunächst am 27. Oktober. Die Ausgabe vom 8. Dezember werde die letzte sein.
Schwarzer ist wohl Deutschlands bekannteste Feministin. Die von ihr gegründete „Emma“ erschien am 26. Jänner 1977 zum ersten Mal. Ihr Motiv beschreibt Schwarzer heute so: „Es war die Frauenfeindlichkeit der von uns Feministinnen so genannten ‚Männermedien‘, die mich zu dem Schluss kommen ließ, dass wir Journalistinnen ein eigenes Magazin, eine eigene Stimme haben müssten.“
„Deutschland ein Stück weit verändert“
In den vergangenen Jahrzehnten setzte das Magazin immer wieder Themen auf die öffentliche Agenda, darunter sexuellen Missbrauch von Kindern, Islamismus und Genitalverstümmelung. Auch beim Ehegattensplitting und bei Brustkrebs habe „Emma“ früh Aufmerksamkeit geschaffen, so Schwarzer.
„Emma“ habe Deutschland ein Stück weit verändert, so Schwarzer. Sie habe das Bewusstsein von Frauen wie Männern beeinflusst, ob sie „Emma“ lasen oder nicht. Die Zeitschrift habe informiert, aufgeklärt, analysiert und provoziert. „Sie hat Debatten angestoßen, Gesetze geprägt und Menschen ermutigt. Rebellische Mädchen wurden ab 1977 auf dem Schulhof gerne Emma (oder Alice) genannt.“
„Emma“ künftig im Deutschen Literaturarchiv
Zuletzt sei „Emma“ das „weltweit letzte und einzige professionelle Publikumsmagazin am Kiosk in Feministinnenhand“ gewesen. Das Archiv der „Emma“ werde in den Bestand des Deutschen Literaturarchivs Marbach (DLA) übergehen, kündigte Schwarzer an. Dort werde es künftig Interessierten, Medien und Forschenden offenstehen.
„Ein halbes Jahrhundert Making-of dieses Abenteuers des Machens eines feministischen Magazins und die sich darin spiegelnde Geschichte der Frauen“ sind laut Schwarzer dann „zur Erforschung bereit.“
Im Archiv, das voraussichtlich im Sommer 2027 übergeben wird, befinden sich laut DLA nicht nur alle „Emma“-Ausgaben. Das Literaturarchiv verwies per Aussendung etwa auf „Konzepte“ aus den Anfangsjahren sowie Korrespondenzen mit Weggefährtinnen, Publizistinnen und Leserinnen, darunter Irmtraud Morgner, Jeannette Lander, Margot Schroeder, Ginka Steinwachs, Margarethe von Trotta und Hedi Wyss.
Vergebliche Suche nach „Kolleginnen im Geiste“
Ungeachtet der immer wieder gestellten Frage, ob Schwarzer die Leitung der im Zweimonatsrhythmus erscheinenden „Emma“ nicht in jüngere Hände geben müsse, gab diese die Leitung nie aus der Hand. Lediglich 2008 übernahm die Journalistin Lisa Ortgies die Chefredaktion. Kurz darauf kam es zum Zerwürfnis, und Schwarzer übernahm.
In der am 27. Oktober erscheinenden Ausgabe versichert Schwarzer, sie habe im Laufe der Zeit durchaus versucht, „weitere Kolleginnen in unserem Geiste“ zu finden, immer wieder auch eine potenzielle „Emma“-Chefredakteurin. Es gebe auch Journalistinnen, die dafür infrage gekommen wären, doch hätten diese Kolleginnen andere Medien bevorzugt. Begründung: „Da weht der Wind von außen nicht ganz so rau.“
Sinkende Auflagen und Kritik an Ukraine-Haltung
Die Auflage sinke zwar, aber die Einnahmen deckten immer noch die Ausgaben, zudem gebe es ein finanzielles Polster, hielt Schwarzer zur wirtschaftlichen Lage fest. Bereits 2024 räumte Schwarzer ein, dass ihre Haltung zum Ukraine-Krieg Auswirkungen auf die Abonnentinnenzahl habe.
Zwar habe es „für ‚Emmas‘ Friedenskurs“ 2023 viel Zustimmung von den Leserinnen gegeben. „Aber immerhin jede fünfte Leserin hat aus Protest ihr Abonnement gekündigt. Das soll weh tun – und tut es auch“, hielt Schwarzer damals samt der Anmerkung fest, sich weiter nicht einschüchtern lassen zu wollen.
Schwarzer spricht sich seit Beginn des Ukraine-Krieges 2022 immer wieder für schnelle Friedensverhandlungen mit Russland aus. Für Aufsehen und scharfe Kritik sorgten gemeinsame Auftritte mit der Politikerin Sahra Wagenknecht und deren „Manuskript für den Frieden“. Kritiker werfen ihr vor, sie verliere aus dem Blick, wer in diesem Krieg der Aggressor und wer das angegriffene Land sei.
Auch mit „transfeindlichen Aussagen“ in der Kritik
Proteste zog Schwarzer auch mit ihrer Haltung zu Transpersonen auf sich. 2023 forderten 33 Autorinnen und Künstler die Absage einer Veranstaltung mit ihr beim Literarischen Herbst in Leipzig, weil sie immer wieder durch „transfeindliche, rassistische und misogyne Aussagen und Publikationen“ auffalle.
„Tatsächlich warfen manche Schwarzer und der ’Emma" vor, nicht mehr zeitgemäß zu sein“, so die AFP mit Verweis auf Schwarzers Haltung zum Thema Geschlechtsumwandlung. Beispielhaft in ihrer 2022 erschienen „Streitschrift“: „Transsexualität: Was ist eine Frau? Was ist ein Mann?“
Source: ORF · ORF.at
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